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Besprechung
4.2013


Sabine Elsa Müller :  Peter Zumthors Neubau des Erzbischöflichen Diözesanmuseums Köln, der 2007 unter dem Namen ‹Kolumba› in Betrieb ging, ist der Begegnung Alter und Neuer Kunst gewidmet. Die aktuelle Jahresausstellung ‹Art is Liturgy› stellt Paul Thek ins Zentrum einer neuen Debatte um moderne Formen christlicher Kunst.


Köln : Kolumba, ‹Art is Liturgy›


  
links: Paul Thek · Fishman in Excelsis Table, 1970/71, (Detail) Holztisch, Körperabguss und Fische aus Latex, tlw. rosa bemalt, gefärbte Wachsstücke, Drahtseil, Holz, Draht, Gitter, Kabel, Hanfseil, Baumwollfaden, Styropor, Pflanzenteile (u.a. Algen), Federn, Leinentuch. Foto: Lothar Schnepf
rechts: Pascal Schwaighofer · Barre di materia duttile, 2011, Holz, Gips, Bolus Armenicus, 24 Karat Gold und Heilig-Geist-Retabel, Werkstatt des Wolfgang-Retabels, Nürnberg, vor 1449, Mischtechnik auf Nadelholz, Ausstellungsansicht Kolumba Köln, 2013. Foto: Lothar Schnepf


Köln - Der in jeder Hinsicht aussergewöhnliche Bau gibt den passenden Rahmen für ein ebenso ungewöhnliches Museum, das sich der Idee eines forcierten Dialogs verschrieben hat. Nur im Dialog lässt sich ein Werk erfahren, so das Credo. Auf diesem dialogischen Prinzip gründete Anfang der Neunzigerjahre die von Joachim M. Plotzek initiierte Erweiterung des Kerngeschäfts «Sammlung sakraler Kunst» nicht nur mit ausgewählten Positionen der Gegenwartskunst, sondern auch mit gewichtigen Konvoluten aus den Bereichen Design und Künstlerbuch. Aber auch das Sammeln und Kuratieren selbst ist davon betroffen. Dass die vier Kuratoren sämtliche Entscheidungen gemeinsam treffen, in langen, prüfenden Findungsprozessen, davon weiss so mancher Künstler zu berichten, der die Kolumba-Kommission schon im eigenen Atelier erleben durfte. Neben dem Direktor Stefan Kraus gehören dazu Marc Steinmann, Ulrike Surmann und seit August 2012 Barbara von Flüe für die in den Ruhestand getretene Katharina Winnekes. Mit Barbara von Flüe (*1977, Luzern) hat sich das Team deutlich verjüngt. Sie wechselte vom Kunstmuseum Solothurn nach Köln gerade wegen der hier gebotenen «eigenen Form des Kuratierens. Es gibt kein anderes vergleichbares Haus, das mit einem solchen Konzept arbeitet».
Erste eigene Erfahrungen mit der Gegenüberstellung Alter und Neuer Kunst, Buchkunst und Angewandter Kunst bot die Konzeption der Jahresausstellung, die jeweils im September wechselt und diesmal von einem der prominentesten Schwerpunkte der Sammlung bestimmt wird: Paul Thek. Kolumba besitzt nach eigenen Angaben das umfangreichste Werkkonvolut des amerikanischen Künstlers, der in seiner Heimat in den letzten Jahren eine Wiederentdeckung erfahren hat und in einer grossen Retrospektive in New York (Whitney Museum of American Art), Pittsburgh (Carnegie Museum of Art) und Los Angeles (Hammer-Museum) umfassend gezeigt wurde. Thek (1933-1988, New York) lebte zeitweise in Europa und hatte in der Essener Galerie Thelen einen wichtigen Verbündeten. In der Sammlung finden sich zwei der insgesamt vier ganzfigurigen Überformungen des eigenen Körpers, ‹Fishman› von 1969 und ‹Fishman in Excelsis Table› von 1970/71. Durch die Methode der direkten Abformung wirken die Körper schockierend lebensecht, gleichzeitig wie in einem Prozess der Transformation, mit den ausgestreckten Armen wie fliegend oder schwimmend, woran auch die vielen Fische denken lassen. Der menschliche Körper ist von der Last des Daseins losgelöst und gleitet wie ein Fisch unter Fischen durch sein (eigentliches) Element.
Nicht nur in der Symbolik, auch in seinem Hang zu Drastik und Theatralik spiegeln sich bei Paul Thek der Einfluss seiner katholischen Wurzeln und seine Auseinandersetzung damit. Der Titel der Ausstellung ‹Art is Liturgy› zitiert Thek aus einem Interview mit Harald Szemann aus dem Jahr 1973: «Kunst ist Liturgie; und wenn das Publikum auf den heiligen Charakter der Symbole reagiert, dann hoffe ich, dass ich mein Ziel erreicht habe, wenigstens in jenem Moment». Wie ist so ein Satz zu interpretieren? Entspringt die Gleichsetzung von Kunst und Liturgie nicht einfach dem Wunsch nach einer ähnlich kathartischen Wirkung? Als Leitmotiv einer Ausstellung scheint man die Reduzierung Theks auf diesen einen Aspekt in Kauf zu nehmen, und auch bei den ergänzenden Beiträgen anderer Künstler und Kunstformen macht sich der liturgisch/christliche «Gehalt» plötzlich sehr breit. Das passt manchmal fast zu gut - wie bei Rebecca Horns energetisch aufgeladener Zeichnungsserie, die im Kontext der Karfreitagsprozession in Pollensa/Mallorca entstand, und bei dem der Körperradius den Malakt bestimmt - dann wieder wirkt es eher aufgesetzt - wie bei der träumerischen Klanginstallation ‹Pfähle› von Manos Tsangaris, die durch das Anschlagen sämtlicher Laternen- und sonstiger Pfähle entlang der historischen Kölner Stadtgrenze entstanden ist. Und was passiert, wenn die mit Tragevorrichtungen versehenen Schreine der Installation ‹Eine Prozession zu Ehren des ästhetischen Fortschritts. Objekte zum theoretischen Anziehen, Tragen, Ziehen oder Schwenken› von 1968 im Armarium effektvoll inszeniert werden, während der normalerweise dort gezeigte Kirchenschatz von St. Kolumba «zum Zentrum der diesjährigen Ausstellung wurde», wie es im Begleitheft heisst? Monstranzen als Zentrum einer Ausstellung über «Paul Thek und die anderen»?
Während die Hauptausstellung für diesmal den Dialog doch recht einseitig in Richtung Kirchenkuns lenkt, tut sich die Kabinettausstellung ‹Mythological Reenactment (vol. 2)› von Pascal Schwaighofer (*1976, Locarno) sehr viel leichter mit den grossen Traditionen. Der Schweizer hat überall im Museum eine Art Pilgerstäbe aufgestellt, die ganz unaufdringlich an Theks Prozessionen erinnern. Ausserdem hat er die herrliche Muttergottes mit Kind von Jeremias Geisselbrunn, mit der er sich das Kabinett teilt, einfach herumgedreht. So bekommen wir jetzt die Rückseite der Alabasterfigur zu sehen und können uns frei von jeder aufgepfropften Ideologie an der feinen Ästhetik des Steins erfreuen. Dazu hängt er ein Ochsenfell, das in einen einzigen schmalen Streifen zerschnitten wurde, über zwei schlichte Holzstangen. Schwaighofer bezieht sich auf den Mythos von Dido, der Gründerin von Karthago. Diese behalf sich mit dem klugen Einfall, als ihr die Stadtgründung nur von der Grösse eines Ochsenfells gewährt wurde. Durch das Zerschneiden des Fells vergrösserte sie ihr Territorium um ein Vielfaches. Noch hängt Schwaighofers Fell ruhig von der Decke - ausgebreitet liesse sich damit das gesamte Museum umspannen.

Bis: 15.08.2013


Neue Publ. zu den verlorenen Performances: Susanne Neubauer: P. Thek in Process. jrp/ringier 2012



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Ausgabe 4  2013
Ausstellungen Art is Liturgy [15.09.12-15.08.13]
Institutionen Kolumba [Köln/Deutschland]
Autor/in Sabine Elsa Müller
Künstler/in Paul Thek
Künstler/in Pascal Schwaighofer
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