Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
4.2013


Kristin Schmidt :  Rachel Lumsdens jüngste Gemälde zeigen Menschen beim Spiel. Was jedoch zunächst wie harmloses Roulette, Bingo oder Bowling aussieht, sind verstörende Bilder heutiger Lebensrealität. Motive, Farbauftrag und die dreckig und grau anmutenden Farbtöne gehen eine Symbiose ein.


Kreuzlingen : Rachel Lumsden, ‹Drunk in Charge of a Bicycle›


  
Rachel Lumdsen · Watergiven, 2011, Öl auf Leinwand, 190x210 cm


‹Watergiven›: Was fehlt jenen Figuren in roten Jacken und weissen Hosen, mit Reiterhelm und Reitstiefeln? Die Pferde, der Fuchs? Die Männer stehen und gehen in einem ummauerten Geviert; sie halten die Zügel, doch Pferde und Fuchs sind nicht zu sehen. Die ehemals Berittenen scheinen darob nicht sonderlich beeindruckt. Sie verfolgen ihr Tun, auch wenn es seine Grundlage verloren hat, sie halten sich an längst überholte Regeln. Schillers Erkenntnis, der Mensch spiele nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und sei nur da ganz Mensch, wo er spielt, bekommt angesichts der Gestalten in Rachel Lumsdens (*1968, Newcastle upon Tyne) Gemälden einen seltsamen Beigeschmack.
Die seit 2002 in St. Gallen lebende Künstlerin entlarvt die Jagd als Spiel und das Spiel als sinnentleerten Zeitvertreib gleichgeschalteter Individuen. Dies geschieht jedoch nicht vordergründig kritisch oder dogmatisch, sondern getragen von einem aufmerksamen Blick für die brüchigen Stellen des Lebens, für die Leere hinter der Ordnung, für die Angst hinter der Fassade, getragen ausserdem von der Malerei selbst.
Wo zeitgenössische Malerei allzu oft das eine oder das andere verfolgt - das Medium untersucht oder das Motivische in den Mittelpunkt rückt -, sind in Lumsdens Gemälden das Motiv, der Gestus und die Farbe zu einer Einheit verwoben. In ‹Pitstop› etwa stehen Glücksspieler in Hemd und Krawatte am Spieltisch, sorgfältig gestapelte Spielchips vor sich. Unbeirrt widmen sie sich ihrem Tun, obgleich der Spieltisch sich aufzulösen beginnt. Die nummerierten roten und schwarzen Rechtecke verschwinden in sumpfigen Farben - ein schwarzgrüner Schlund tut sich auf, bereit, alles zu verschlingen.
Die Farbe löst sich von Gegenstand und Form und verselbständigt sich zu einem rein materiellen Farbereignis, das aber im Bild wiederum eine Rückkoppelung erfährt. Teppiche, Wandflächen, Decken bieten in Lumsdens Gemälden nicht nur Handlungsraum für die Protagonist/innen der Bilder, sondern sind gestalteter Gegenpart. In vielen der im Kunstraum Kreuzlingen ausgestellten Bilder frisst sich Schwarz in die anderen Farben hinein und bringt sie gleichzeitig zum Leuchten, obwohl sie gar nicht strahlend sind. Eher wirken die abgetönten Farben verunreinigt, verdreckt, giftig. Gerade so aber spiegeln sie die Verlorenheit der Spieler und die Realität menschlicher Beziehungen glaubwürdiger als jeder reine Ton.

Bis: 28.04.2013



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 4  2013
Ausstellungen Anne Lorenz, Rachel Lumsden [01.03.13-28.04.13]
Institutionen Kunstraum [Kreuzlingen/Schweiz]
Autor/in Kristin Schmidt
Künstler/in Rachel Lumsden
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=130321143553GAZ-12
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.