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Besprechung
4.2013


J. Emil Sennewald :  Nach Alain Hucks düsterem Blick ins Unterholz zum Jahresbeginn füllt diesmal der Genfer Marc Bauer mit einer Wand-Zeichnung die Stirnwand des Ausstellungsraums im Centre Culturel Suisse. Damit nimmt er direkten Bezug auf die historische Vergangenheit des Marais, in dem sich das CCS befindet.


Paris : Marc Bauer, ‹Le Collectionneur›


  
links: Marc Bauer · Le Collectionneur, 2012, Bleistift auf Papier
rechts: Marc Bauer · Le Collectionneur, 2012, Bleistift auf Papier


Marc Bauers (*1975) vertraut realistisch-naive Manier lässt einen schweren Theatervorhang erkennen, dahinter schemenhafte Tänzer. Das Bild eines Besatzerballs spitzt die Inszenierung von Geschichte zu, welcher uns der Genfer Künstler mit einem Rundgang entlang von gerahmten, auf Plexiglas oder direkt auf die Wand gebrachten Zeichnungen aussetzt. An vier Ecken stehen weisse Porzellanvasen «aus echtem Berliner KPM-Porzellan», wie er betont, gefüllt mit Bouquets, wie man sie in den Vierzigerjahren aufband. Diese einzigen Farbflecken in der schwarzweissen Ausstellung haben etwas aufdringlich Unanständiges. Ein gewünschter Kontrast.
Als einer der ersten Kunstschaffenden nimmt Bauer direkt auf die Geschichte des Marais Bezug, auf deutsche Besatzung und die Raubzüge in jüdischen Haushalten. «Man leerte die Appartements», erzählt er, «und stellte deren Inhalt im Jeu de Paume aus, angeordnet in Kojen, mal eine Wohnzimmereinrichtung, mal ein Kücheninventar. Die deutschen Offiziere konnten aussuchen, was ihnen gefiel.» Abgezeichnete Dokumentarfotos sollen an das Schauer-Shopping erinnern, zum Nachdenken über das Sammeln allgemein anregen. Dafür hat Bauer eine Szene aus dem bekannten Comic des Belgiers Hergés ‹Die sieben Kristallkugeln› auf die Wand gezeichnet, daneben einen Blick auf KZ-Baracken. «Ich bin ein grosser Fan von Tim und Struppi», erklärt er, «in dieser Szene zeigt der Professor die Inka-Mumie, die er als Sammler bei sich aufbewahrt.» Soll sie an die Gerippe der KZ-Häftlinge erinnern? Oder die Antisemitismus-Vorwürfe gegenüber Hergé? Oder sollen die KZ-Baracken umgekehrt Bestandteil ­einer Sammel-Geschichte sein? Stehen sie für generische Bilder, empfindungsentleert, wie archäologische Funde? Bauer will «die Interpretation nicht festlegen».
Ob das mit diesem aufgeladenen Thema geht, sei dem Publikum zur Bewertung anheimgestellt. Comictauglich ist die Geschichte der deutschen Verbrechen seit Art Spiegelmans ‹Maus›. Bauers Schau liest sich wie eine graphic novel, zugespitzt im 26-minütigen Animationsfilm ‹L'architecte›, den er mit der französischen Rock-Band Kafka umgesetzt hat. Mit epischem Duktus löst der Künstler Geschichte im Kontext zwar fragmentierter, aber ästhetisch gerundeter Erzählung auf. Ganz wie Walter Benjamins Sammler ist er davon bezaubert, so steht es im Passagenwerk, «das Einzelne in einen Bannkreis einzuschliessen, indem es, während ein letzter Schauer (der Schauer des Erworbenwerdens) darüber hinläuft, erstarrt.»

Bis: 14.04.2013


Film-Konzert mit Kafka live am 13.4



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Ausgabe 4  2013
Ausstellungen Marc Bauer [01.02.13-14.04.13]
Institutionen Centre Culturel Suisse [Paris/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Marc Bauer
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