Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
4.2013


Gabriel Flückiger :  Seit gut einem Jahrzehnt ist Kunst als Forschung aufgrund von bildungspolitischen Forderungen und wissenschaftstheoretischem Wandel institutionell an Kunsthochschulen fest verankert. Doch schon der Zürcher Serge Stauffer (1929-1989) verstand sich als forschender Künstler.


Zürich : Serge Stauffer, ‹Kunst als Forschung›


  
Serge Stauffer · jardin public, 1960, Legespiel-Arbeit als Edition bei Moderna Museet, Stockholm, 1961. Foto: Melanie Hofmann


Der Künstler, Theoretiker, Duchamp-Übersetzer und Mitbegründer der Kunstschule F + F, Serge Stauffer, skizzierte bereits in seinen Schriften in den Siebzigerjahren ein klares, jedoch dazumal utopisches Bild von «kunst-forschung»: Etliche Jahre Spezialstudium würden zu elitären Künstlern führen, deren eigenständige und nicht nur visuelle Methoden anthropologische Fragestellungen und gesellschaftlich relevantes Handeln beinhalten. Insofern verstand sich der ausgebildete Fotograf, Publizist, Dozent und Performer als forschender Künstler. Weit ab von heutigen Forschungsgelderanträgen meinte künstlerische Forschung bei Stauffer folglich eine konsequente und vielschichtige Ausrichtung des eigenen Tuns. Die rein gestalterische Kunst würde dabei hingegen zu einer «freien Kreativität, die von allen gemacht wird» umgewandelt, was er mit Kursen fördern wollte - ein Anliegen, das der Kurator Michael Hiltbrunner für die aktuelle Stauffer-Ausstellung im Helmhaus in den Vordergrund rückt: Der interaktive «jardin public» im unteren Hauptsaal des Helmhauses ist zwar in dieser Form kein Werk von Stauffer, doch stellt das Environment aus 216 weissen Kuben eine Adaption seines berühmten kombinatorischen Spielobjektes dar und macht die demokratische Kreativität unmittelbar zugänglich.
Zugleich vermittelt die Ausstellung - zu grossem Teil geformt aus Stauffers Nachlassbeständen, die kürzlich der Schweizerischen Nationalbibliothek geschenkt wurden - erhellend differenzierende Einsichten in eine Zürcher Kunstgeschichte der Fünfziger- bis Siebzigerjahre, die gemeinhin unter der Vorherrschaft der Konkreten rezipiert wird. Stauffer selbst führte sein Interesse schnell zu Duchamp, Fluxus und Wiener Aktionismus, zu einem experimentellen Schaffen, das auch seine Lehrtätigkeit an der Kunstgewerbeschule prägte. Die Gründung der privaten Kunstschule F + F 1971 motiviert sich denn auch aus einem Konflikt mit der konservativen Schulleitung, welche die von Doris Stauffer mitgetragene Entwicklung hin zu Happening und politischem Aktivismus nicht goutierte. Neben Briefwechseln sowie exemplarischen Arbeiten aus dem Umfeld der F + F-Schule machen Zeitdokumente wie das Flugblatt der ‹Miss-Wahlen›, 1969, der Frauenbefreiungsbewegung, oder der Anmeldetalon von Stauffers Männerkurs, in welchem laut Annonce bisherige Führerrollen in Frage gestellt und Selbstausdruck geübt wird, die Ausstellung zu einer Begegnung mit Forschung, die ohne den üblichen Fachjargon auskommt.

Bis: 14.04.2013



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 4  2013
Ausstellungen Serge Stauffer [15.02.13-14.04.13]
Video Video
Institutionen Helmhaus [Zürich/Schweiz]
Autor/in Gabriel Flückiger
Künstler/in Serge Stauffer
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=130321143553GAZ-16
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.