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4.2013




Berlin : Martin Honert


von: Sabine Elsa Müller

  
links: Martin Honert · Ein Szenisches Modell des ­Fliegenden Klassenzimmers, 1995, Polystyrol, Epoxydharz, Holz, bemalt, ca. 400x600x400 cm, Courtesy Johnen Galerie, Berlin; Matthew Marks Gallery, New York ©ProLitteris. Foto: David von Becker
rechts: Martin Honert · Englischlehrer, 2011, und Linde, 1990, Courtesy Johnen Galerie, Berlin; Matthew Marks Gallery, New York ©ProLitteris. Foto: David von Becker


Martin Honert (*1953, Bottrop) gehört zu den Künstlern, die schon früh zu ihrer Sprache gefunden haben. Noch während seines Studiums an der Düsseldorfer Akademie entstand mit dem ‹Kinderkreuzzug›, 1985-88, ein Schlüsselwerk, das die wesentlichen Kennzeichen seiner Arbeit enthält. Das ist neben der thematischen Ebene - dem explizit auf Kindheitserinnerungen bezogenen Umgang mit Wirklichkeit - vor allem auch die Art der Umsetzung in dreidimensionale Objekte aus Werkstoffen wie Polyester- oder Epoxydharz. Honerts Geschöpfe konfrontieren uns mit einer unverwechselbaren Mischung aus Realitätstreue und Künstlichkeit, die ihnen bei aller technischen Perfektion etwas Nachgeahmtes in der Art fabrikmässig hergestellter Imitationen gibt. Im ‹Kinderkreuzzug› kommt es ausserdem zu einem seltsamen Rückkoppelungseffekt, wenn der Künstler die ästhetischen Massstäbe der Wirklichkeitssimulation aus der Welt der Hartplastik-Spielfiguren auf ihrerseits die Erwachsenen imitierende Kinder-Kreuzritter überträgt und dann wieder zurück ins grosse Format übersetzt. Aus der gemalten Kulisse treten halb- und vollplastische Fantasie-Ritter wie aus einem Bilderbuch heraus und beanspruchen eine eigenständige Präsenz im Hier und Jetzt.
Die Retrospektive stellt die Frage nach der Generierung innerer Bilder und ihrer Verlässlichkeit über die Zeit hinweg. Woran lässt sich das Gewicht eines solchen «Lebensbildes» festmachen und damit in eine Allgemeingültigkeit übertragen? Honert gelingt diese Gratwanderung. Nicht immer so überzeugend wie in der enigmatischen Arbeit ‹Foto› von 1993, einer dreidimensionalen Umsetzung einer Fotografie, die ihn selbst als kleinen Jungen am Küchentisch sitzend zeigt. Man reibt sich die Augen - so wahr und bedeutungsvoll wirkt dieses stille Bild. Auch zwei Riesen, ein künstliches, von innen beleuchtetes Lagerfeuer oder ein echter grüner Wackelpudding können bei Honert ikonenhafte Eindringlichkeit entwickeln. Mit ihrer hermetischen Ausstrahlung nobilitieren diese Objekte die frühen Eindrücke und schildern sie weniger als beängstigend und traumatisch, denn als alltäglich, aber dennoch entschieden und gültig in ihrer Exponiertheit. Honert selbst meinte einmal dazu: «Mich reizen einfach die unauffälligen Dinge, denn darin steckt das grösste Geheimnis.»

Bis: 07.04.2013



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Ausgabe 4  2013
Ausstellungen Martin Honert [06.10.12-07.04.13]
Institutionen Hamburger Bahnhof [Berlin/Deutschland]
Autor/in Sabine Elsa Müller
Künstler/in Martin Honert
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