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4.2013




Lausanne : Phill Niblock


von: Katharina Holderegger Rossier

  
Phill Niblock · Japan89, 1989


Phill Niblock (*1933 in Indianapolis) gilt als einer der grössten Komponisten unserer Zeit und ist als Produzent avantgardistischer Konzerte hoch geachtet. Seit 1968 entwickelt er eine mikrochromatische Musik ohne Melodie und Takt, die er laut aufgeführt wünscht, damit der ganze Reichtum an Obertönen gehört und die psychophysische Wirkung gefühlt werden kann. Er startete seine Karriere jedoch als Fotograf und im Film und verknüpfte seine Musik von Anfang an mit Arbeiten in diesen Medien. Eine von Mathieu Copeland entworfene Retrospektive ‹Nothin' but Working›, die gemeinsam vom Musée de l'Elysée und vom Centre d'art contemporain Circuit getragen wird, vereint nun erstmals alle Aspekte des multimedialen Werks avant la lettre und leistet damit einen wichtigen Beitrag an die aktuelle Befragung der DNA des zeitgenössischen Phänomens des Künstlermusikers/Musikkünstlers.
Im Elysée ist rekonstruiert, wie sich konzeptuelle Fotografie, struktureller Film und minimalistische Musik graduell aufeinander pfropften, seit Niblock 1958 in New York ankam, wo er zuerst als Fotograf von Jazzmusikern arbeitete und dann als Kameramann der Choreografien am Judson Church Theater. Die Aneignung einer seriellen, mehr auf die Ästhetik als auf den Gegenstand gerichteten Praxis wird aber u.a. in den Fotografien von Geisterhäusern evident, deren früheste Ausstellung in der Underground Gallery 1966 nachgestellt ist. Eine weitere Scharnierstelle markieren die 1966 und 1969 entstandenen Kurzfilme, die sich u.a. kongenial mit experimentellen Musikern wie Sun Ra oder Max Neuhaus auseinandersetzen. Dagegen zeigen Fotoarbeiten etwa zum Urbanismus in der Bronx (1979) und in SoHo (1988) sowie Videos wie die ‹Anecdotes from Childhood›, 1985-1992, dass Niblock auch nach 1968 noch autonome Auslotungen des stehenden und laufenden Bildes unternahm, die - progressiv, kohärent, präzise - in der Kunstwelt zu Unrecht noch kaum bekannt sind.
Der Circuit indes bietet Raum für das multimediale Monument ‹The Movement of People Working›. Dieses kombiniert in einem Zufallsverfahren das Abspielen der gesamten Kompositionen Niblocks mit Projektionen seiner ungefähr 2-3 Minuten langen Filmsequenzen, die sich auf elementarste Verrichtungen konzentrieren, so das Waschen von Fischen, das Pflanzen von Knoblauch oder das Aushöhlen von Stämmen. Da er eine Bewegung zu seiner Musik als notwendig empfand, aber der «Künstlichkeit des Tanzes» überdrüssig war, unternahm Niblock von 1973 bis 1991 weite Reisen, um noch von Jagd, Feldbau oder Handwerk lebende Menschen zu filmen, die einer Arbeit nachgehen, die zwar repetitiv und obsessiv ist, aber nie mechanisch, sondern immer einfühlend. ie Ansichten divergieren, ob es in diesem Werk neben einer synästhetischen Erfahrung unter ganz neuen Vorzeichen mehr um die Vermittlung einer Zen Attitude oder eine politische Botschaft geht. In dem Essayband ‹Working Title›, der verbunden mit der Ausstellung in den Presses du Réel erschienen ist, haben die beiden Deutungen sehr anregend Seite an Seite Platz gefunden. KH (S. 48-51)


Bis: 12.05.2013



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Ausgabe 4  2013
Ausstellungen Phill Niblock [31.01.13-12.05.13]
Institutionen Circuit [Lausanne/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Phil Niblock
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