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4.2013




Metz : Une brève histoire des lignes


von: J. Emil Sennewald

  
links: Léon Ferrari · Caminos, 1982, Courtesy Fundación Augusto y León Ferrari
rechts: Julius Koller · Time-Space Defining Psycho- Physical Activity of Material-Tennis (Antihappening), 1968


Linien laufen von der oberen Kante aus ins Blatt, wehen wie Fransen lose im weissen Raum des Papiers: Silvia Bächlis ikonisches ‹Sans titre XIX› verweist in den vorderen Sälen der Ausstellung auf die Emanzipation der Zeichnung in den Raum. Der in Genf lebende Benoît Billotte (*1983, in Metz) zeigt das mit Wetter-Pfeilen als kleine grafische Turbulenzen. Ausgehend von Kandinskys Buch ‹Punkt und Linie zu Fläche› von 1926 erzählt er auch mit Videos, Fotos und Skulpturen, wie die Linien aus dem konstruktiven in den psychologischen Raum entfleuchen. Motivisch Ähnliches, konzeptuell Verwandtes aus verschiedenen Zeiten wird erhellend zusammengestellt. Dass die Emanzipation der Linien auch die politische Dimension des Zeichnens öffnet, zeigt eindrücklich Till Rosekens ‹Video-cartographies: Aïda, Paléstine›, 2009, in der man Zeugenaussagen über das Leben im besetzten Gebiet hört, während dazu Wege-Skizzen gezeichnet werden. Auch die Blitze am nachtschwarzen Himmel von Dove Allouches fotorealistischer Zeichnung ‹Le diamant d'une étoile a rayé le fond du ciel›, 2011, oder Peter Stämpflis 1974 gefilmte Strassenmarkierungen vermitteln, wie eine «kontinuierliche Linie» das menschliche Dasein durchzieht. Das meint auch der Anthropologe Tim Ingold, auf dessen gleichnamiges Buch sich die Ausstellung stützt. Zunächst durchziehen die Linien allerdings die Kunstgeschichte. Anschaulich wird das in der parabelförmigen Skulptur von Jan Dibbets, ­‹Comet 6-72°, Sky-Land-Sky›, 1973, die exakt eine von Kandinskys Linien wieder aufnimmt. Man versteht: Linien allein haben keine Identität, sie brauchen Unter- und Hintergrund, Kontext. Sonst wirken Karel Malichs Spiralen von 1970 neben Lucio Fontanas ‹concetto spatiale› von 1950 bloss wie eine Fortsetzung - dabei ging es Ersterem um einen energetischen Begriff von Skulptur, während Letzterer radikal das Kunstwerk zur Realität hin durchstossen wollte. Dennoch: Kuratorin Hélène Guénin nutzte mit dem Pariser Zeichnungs-Kustos Christian Briend, was die Filiale dem Mutterhaus voraus hat: die Ruhe für eine konzentrierte Ausstellung, in der wichtige Werke der Kunstgeschichte, wie Klaus Rinkes performative Raum-Bezeichnung ‹Boden Wand Ecke Raum› von 1970, erstmals seit ihrer Anschaffung vor elf Jahren angemessen präsentiert werden.

Bis: 01.04.2013



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Ausgabe 4  2013
Ausstellungen Lines: A Brief History [11.01.13-01.04.13]
Institutionen Centre Pompidou Metz [Metz/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
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