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Fokus
5.2013


 Der junge Walliser Valentin Carron wird auf der diesjährigen Biennale in Venedig den Schweizer Pavillon bespielen. Im Interview spricht er über den Platz, den ein Schweizer Künstler im Gefüge internationaler zeitgenössischer Kunst einnehmen kann, seine aktuelle künstlerische Praxis und die daraus resultierenden Vorbereitungen für seinen Auftritt in den Giardini.


Valentin Carron - Deklination der Skulptur


von: Kyung Roh ­Bannwart
von: Matthias Sohr

  
links: Waterlily, 2012, Polystyrene, Fiberglas, Acrylharz, Acrylfarbe,187x194x162 cm, Courtesy David ­Kordansky Gallery, Los Angeles; Galerie Eva Presenhuber, Zürich. Foto: Stefan Altenburger
rechts: You he we you they, 2012; Asphalt and Star dance, sometimes, in pure fear, 2012; To the repulsive ­Geneva, he sputters drops of dog, 2012, Installationsansicht ‹The dirty grey cube (you) turns around sadly and screams at us (he), ‘ca-tarac-ta.'›, Courtesy 303 Gallery, New York.


Bannwart: Was bedeutet es für dich, die Schweiz im Rahmen der Biennale in ­Venedig zu repräsentieren?

Carron: Natürlich ist es eine grosse Freude und Ehre, zur Teilnahme an der Biennale ausgewählt worden zu sein, aber ich habe nicht das Gefühl, die Schweiz wirklich zu vertreten. Vielmehr repräsentiere ich die Schweiz wider meinen Willen. Ich bin sicherlich das Produkt einer gewissen Kultur, einer Art zu denken, die auf ihre Art sehr schweizerisch ist. Insbesondere denke ich da an den Kanton, in dem ich auch weiterhin lebe und arbeite. Ist das Wallis doch im doppelten Wortsinn etwas exzentrisch. Auch sonst könnte man uns Schweizer fast als wie aus dem Zusammenhang gerissen betrachten. Ich habe überhaupt nicht das Gefühl, eine Nation repräsentieren zu können, wie ich mir vorstelle, dass Künstler aus Frankreich, Deutschland oder Italien dies vielleicht für sich reklamieren. Aber eine gewisse Kultur oder wenigstens eine Generation repräsentieren Künstler natürlich immer.

Sohr: Das Selbstverständnis der Biennale von Venedig ist ja auch das einer internationalen Schau.

Carron: Im Rahmen der Biennale ist man mit sehr mehrdeutigen Umständen konfrontiert, beispielsweise wenn man an ihre politische Funktion denkt. Es handelt sich dabei darum, etwas als universell Gedachtes zu nationalisieren. Als Künstler lege ich den Schwerpunkt auf den mir anvertrauten wunderbaren Ausstellungsraum, ein in den Fünfzigerjahren von Bruno Giacometti entworfenes Schaustück. Darin mache ich eine Ausstellung.

Hydra aus Werk und Titel

Sohr: Die Auswahl der gezeigten Arbeiten ist kein Geheimnis mehr.

Carron: Ich bin grundsätzlich sehr vorausschauend. Ich plane gewöhnlich sechs oder sieben Monate im Voraus, so dass ich mich dann auf die Produktion der Arbeiten konzentrieren kann. Bereits im November letzten Jahres hatte ich entschieden, welche Werke ich zeigen werde, nämlich eine lange, sich durch den Pavillon windende Linie in Form einer doppelköpfigen Schlange, einige Wandarbeiten, die an Fenster moderner Kirchen erinnern, Abgüsse von zerdrückten Holz- und Blechblasinstrumenten in Bronze sowie einen restaurierten Ciao-Motoroller der Firma Piaggio.

Bannwart: Fangen wir doch mit der doppelköpfigen Schlange an.

Carron: Wer meine Arbeiten zuletzt verfolgt hat, könnte wirklich meinen, dass ich in eine Schlangengrube getappt bin! Am Anfang wollte ich lediglich weit ausgreifende, geometrische Linien im Raum zeichnen. Dann habe ich entschieden, den aus der Ferne sehr minimal aussehenden Skulpturen diese archaisch anmutenden Enden anzufügen. Ich war daran interessiert, diese primären Formen zu öffnen für einen jeweils anderen Diskurs, einen neuen Blickwinkel.

Bannwart: Bei der Titelwahl für deine doppelköpfigen Schlangen scheinst du kombinatorisch vorzugehen, beispielsweise bei ‹You he we you they›. Aus den Titeln spricht viel Humor, auch Absurdes.

Carron: Ein Titel kann auch nichts mit dem Gezeigten zu tun haben. Ich versuche, ans andere Extrem des Repräsentierten zu gelangen. Das funktioniert wie eine Collage. Titel sind zusätzliches Material, das die Arbeit vervollständigt. Ein Titel, einmal zusammengestellt, kann etwas hervorrufen, das hilft, das Werk als Einheit zu verstehen. Ich habe zuvor bereits mehrere Male ein ‹Ohne Titel› verwendet, doch schien es mir unvollständig. Zum einen denke ich, dass ich bereits mit der Gesamtheit all meiner mit Schlangenköpfen ausgestatteten Arbeiten eine Art sehr aggressiver Konkreter Poesie geschaffen habe. Zum anderen gab es diese Wortspiele, die mir wieder in den Sinn kamen. Es handelt sich dabei ebenfalls um eine Art Konkreter Poesie, die ihre Anwendung findet, wenn man jemanden in einer Bar oder an einem unerwarteten Ort trifft. Als mischten sich Ausrufe wie ‹Du? Wir? Hier? Wie geht's!› mit dem Stottern eines Betrunkenen, der konjugiert ‹Ich ich, du du , er er, sie sie, es es›.

Kopieren schafft vorrangig keine Kopien

Bannwart: In deinem Interesse liegt die Reproduktion oder, in deinen Worten, das ‹Kopieren› von Bestehendem, vor allem von künstlerischen Arbeiten. Wie nahm dieses Interesse seinen Anfang?

Carron: Was mich interessiert sind nicht die kopierten Objekte selbst, sondern die Anwendung und der Prozess des Kopierens. Es handelt sich dabei um die Weitergabe von Kultur. Die Objekte, die ich heute zum Kopieren auswähle, sind jene, die ich Skulptur genannt hätte, wenn ich keinen Zugang zu zeitgenössischer Kunst gefunden hätte. Mein Vater hätte sie sammeln und einen Skulpturengarten mit ihnen bestücken können. Andererseits begann alles eventuell auch mit der Fantasie, ein solcher Bildhauer werden zu wollen. Oder mit der Frage, warum man tut, was man tut? Was wird von mir als Künstler erwartet, und was kann ich anbieten? Ich kann es aber auch aktiver formulieren: Indem ich etwas in einer Ausstellung zeige, dränge ich dem Publikum meine Vision von dem auf, was Skulptur heute sein kann.

Bannwart: Wie würdest du dein Verhältnis zu den Objekten, die du schaffst, beschreiben?

Carron: Vielleicht ist vieles auch in meiner Indifferenz gegenüber den Objekten begründet. Daraus können viele andere Dinge folgen: Provokation, Impuls oder Obsession. Beispielsweise sah ich die zerdrückten Musikinstrumente zuerst an einer Wand in einem Bistro und sagte mir: ‹Das ist es!› Die Begegnung mit diesen unendlich traurigen Armutszeugnissen von Dekoration hätte mir genauso gut vollkommen gleichgültig sein können, aber am Ende mache ich daraus ein Bild, eine Parodie, die ihren Ursprung in dem hat, was ich gesehen habe. Dabei könnte diese Dekoration selbst wiederum - im Sinne eines Césars - eine Parodie auf die Kunstgeschichte sein.

Patina der Geschichte


Bannwart: Auf ganz eigene Weise scheinen deine Arbeiten sich immer auf eine Essenz von Geschichte zu beziehen.

Carron: Vielleicht versuche ich, Antworten in der Geschichte zu finden, und ende dann stets mit mehr Fragen als vorher. Ich denke, dass uns Kunstgeschichte ganz bestimmte Hinweise auf Geschichte gibt. Auf Mentalitäten zum Beispiel, oder Austauschprozesse. Objekte zu schaffen mag ebenfalls ein Relikt einer bestimmten, historischen Denkweise sein. Von Interesse ist dabei aber, wie weit ich damit gehen werde, wenn ich in Bronze arbeite. Werde ich die Güsse perfekt polieren lassen? Wie weit gehe ich in der Repräsentation einer zerdrückten Trompete? Werde ich mich für eine Patina entscheiden? Und welche? Wie dick werde ich die Patina auftragen? Werde ich die nächste Serie wie die vorherige gestalten, oder werde ich die Patina von Serie zu Serie verändern?
Dies sind ganz konkrete Fragestellungen, die mich vor Entscheidungen stellen. Das Schaffen von Objekten bringt mich zurück zu Entscheidungsfindungen, die ich am Anfang noch zu vermeiden gedacht hatte. Findungen, die dem unterworfen sind, was bereits existiert. Trotz allem mag es sich dabei um eine fortschrittliche Vision einer grösseren Landschaft möglicher Repräsentationen handeln.

Sohr: Repräsentation nun im Sinne dessen, was von einem Künstler erwartet wird, oder meinst du die Repräsentation von etwas?

Carron: Es fällt mir unglaublich schwer, mich selbst vom Drang der Repräsentation zu befreien, insbesondere von jener, welche die Eins-zu-Eins-Repräsentation betrifft. Zum Beispiel, als ich jene Fenster in Brüssel sah, die in der Dalles-de-Verre-Technik hergestellt sind und als Vorlage für meine Wandarbeiten dienten, berührten sie mich ungemein. Bei der Eins-zu-Eins-Nachbildung dessen, was mich berührt, stellt sich die Frage: Wie extrahiere oder eliminiere ich dieses Gefühl? Es handelt sich um eine Art Exorzismus.

Kyung Roh Bannwart, Künstlerin, lebt und arbeitet in der Schweiz. kyung.roh.bannwart@gmail.com
Matthias Sohr, Künstler, lebt und arbeitet in der Schweiz. matthias.sohr@gmx.net


Bis: 24.11.2013


Valentin Carron (*1977, Martigny) lebt in Martigny
1992-1999 Ecole Cantonale des Beaux-Arts, Sion
1997-2000 ECAL/Ecole cantonale d'art de Lausanne

Einzelausstellungen (Auswahl ab 2011)
2014 Kunsthalle Bern
2013 55. Biennale di Venezia, Swiss Pavilion, Venedig:
2012 303 Gallery, New York; David Kordansky Gallery, Los Angeles
2011 Fade Walter, Galerie Rodolphe Janssen, Brüssel
2010 Praz-Delavallade, Paris; Palais de Tokyo, Paris


55. Biennale di Venezia, 1.6. bis 24.11. Valentin Carron, Venice Biennale 2013, Hg. Giovanni Carmine, Künstlerbuch mit einem Beitrag von Julien Maret, Englisch/Französisch, JRP-Ringier, Zürich, erscheint voraussichtlich im Juni 2013.



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Ausgabe 5  2013
Ausstellungen 55. Biennale di Venezia [01.06.13-24.11.13]
Institutionen La Biennale di Venezia [Venezia/Italien]
Autor/in Kyung Roh ­Bannwart
Autor/in Matthias Sohr
Künstler/in Valentin Carron
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