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Fokus
5.2013


 Das Institut für Kunstgeschichte der Universität Bern behandelt kulturwissenschaftliche Fragestellungen rund um das Thema ‹Interieur›. Die Recherchen dazu finden im Rahmen einer grossangelegten interdisziplinären Forschungsanlage statt. Peter Schneemann leitet das Teilprojekt ‹Anagrammatic Spaces: Interiors in Contemporary Art›.


Interieur - Kunst, Raumkonzepte und Performances


von: Rachel Mader

  
links: John Bock · FischGrätenMelkStand, 2010, Installationsansicht, temporäre Kunsthalle Berlin, Courtesy Galerie Klosterfelde, Berlin und Jon Bock
rechts: George Steinmann · Das Werk Saxeten, 2002-2006, Blick in das Innere der Klause ©ProLitteris. Foto: Christine Blaser


Mader: Du leitest das Teilprojekt zu ‹anagrammatischen Räumen›. Was ist darunter zu verstehen? Inwiefern sind sie ein typisch zeitgemässes Phänomen? Kannst Du das ausgehend von einem Beispiel erläutern?

Schneemann: Mit dem Anagramm, also dem Schüttelreim, möchte ich ein Phänomen beschreiben, in dem das Vokabular bekannter gesellschaftlicher Räume, das private Haus (Gregor Schneider) ebenso wie die Gefängniszelle oder der Swingerclub (Christoph Büchel, Secession Wien), auf der einen Seite als Fragmente isoliert und auf der anderen zu neuen Situationen und auch Beziehungen zum Umraum zusammengefügt werden, so dass dabei diachrone und hybride Kunsträume entstehen. Man kann den Eindruck gewinnen, dass die zeitgenössische Kunst eine beinahe umfassende Raumtypologie abdeckt. Ein Schlüsselerlebnis, wenn man so sagen darf, war für mich die fantastische Installation ‹FischGrätenMelkStand›, die John Bock in der temporären Kunsthalle in Berlin installiert hatte. Die Arbeiten der verschiedenen Künstler liessen sich innerhalb dieser ‹Raumorgie› nicht mehr von ihrer Rahmung trennen. Die Besucher/innen kletterten und krochen durch die Räume und versuchten sich in den unterschiedlichsten Narrationen.

Mader: Von welcher Betrachterposition gehen diese räumlichen Settings aus? Sind die ‹sozialen Interaktionen›, die darin stattfinden sollen, autoritär choreographiert oder zielen sie auf eine ‹Befreiung› der Betrachtenden aus der kontemplativen Reflexion?

Schneemann: Obwohl immer (noch) sehr populär, denken wir an Anish Kapoors ‹Leviathan› (Monumenta, Paris 2011) oder aktuell an Christos Projekt im Gasometer ‹Big Air Package›, steht das grosse, aber unartikulierte immersive Raumerlebnis nicht mehr im Zentrum. Vielmehr geht es einerseits um Lektüren mit Entfremdungsmomenten und andererseits um den entscheidenden Umschwung, in dem sich die Besuchenden als reflektierende Akteure im und gegenüber dem Innenraum verorten.

Mader: Die meisten dieser räumlichen Settings sind derart ausladend, dass die museale beziehungsweise institutionelle Rahmung ästhetisch nicht mehr wahrnehmbar ist. Nichtsdestotrotz bleibt sie im Hintergrund zentrale Referenz. Kannst Du diese paradoxe Konstellation an einem Beispiel aufschlüsseln?

Schneemann: Das finde ich einen sehr treffenden Hinweis auf eine Schnittstelle, die unsere Forschung tatsächlich beschäftigen muss. Ilya Kabakov hat in seinen Frankfurter Vorlesungen die Installation als eine nach innen gerichtete, nach aussen völlig abgeschlossene, komplette Welt beschrieben. Für den anagrammatischen Raum, der seine eigene Konstruktion als eine brüchige Abschirmung thematisiert, ist gerade die Aussenhülle wichtig - und dann ergibt sich die Frage nach dem Bezug zwischen der Hülle der Institution und der Aussenwand der Installation. Es mag signifikant sein, dass die interessanten Projekte ihre ‹Doppelwandigkeit› ganz explizit reflektieren. Deine Beobachtung wird meines Erachtens besonders an Institutionen deutlich, die eine klare eigene Raumsprache besitzen. So bot etwa die Kunsthalle Bern eine lange und eindrückliche Reihe von ‹Installationen› an, die diese ‹Einschreibung› fruchtbar machten. Ich denke etwa an den Amerikaner Oscar Tuazon (Kunsthalle Bern 2010), der für unser Projekt eh ein sehr spannendes Beispiel ist, zumal er auch für die andere Bewegung steht, nämlich völlig aus der Institution herauszugehen, so beispielsweise in den Giardinis an der Biennale Venedig, 2011.

Umstrittene Territorien

Mader: Die Frage nach der Beschaffenheit von Raum - öffentlich und privat - hat in den letzten Jahren in unterschiedlichen wissenschaftlichen Feldern Aufmerksamkeit erlangt. Raum wird dabei häufig als eines der aktuell meist umstrittenen Territorien gefasst, wo Machtgefüge ausgehandelt werden und sich in der Folge symbolisch manifestieren. Findet sich diese Perspektive angewendet auf den Raum in den aktuellen künstlerischen Inszenierungen wieder?

Schneemann: Die Verhandlung, von der du sprichst, wird meines Erachtens von Künstlern wie Antonio Muntadas eindrucksvoll adressiert. Man kann weitergehen und sich Positionen wie Santiago Sierra und seine plakative Demonstration des Zugangsrechts (Biennale, Venedig 2003) in Erinnerung rufen. Und wenn George Steinmann im Rahmen eines Kunst am Bau-Projekts eine ‹Klause› in die Gemeinde Saxeten stellt, ist dies sicher auch eine Art von Kommentar zur Frage nach dem Raum als gesellschaftlichem Ort. Wir sollten unseren Blick offen halten für ‹Raumkommentare›, die vielleicht indirekt solche Fragen kommentieren. So interessiere ich mich durchaus auch für die ‹Kulissenarchitekturen› von Monica Bonvicini.

Mader: Dein Projekt zu den ‹Anagrammatischen Räumen› ist Teil einer interdisziplinären Forschungsanlage, dem vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Sinergia-Projekt ‹The Interior: Art, Space, and Performance›, in das etwa auch die Theaterwissenschaft und die Architekturgeschichte involviert sind. Welches sind dabei gemeinsame Fragen und wo wird gerade durch den unterschiedlichen Zugang der einzelnen Fachgebiete der Blick aufs Thema geschärft?

Schneemann: Zunächst muss ich sagen, dass dieses Dachprojekt für uns zu der beglückenden Erfahrung geführt hat, dass ein Institut nicht nur mit Blick auf die administrativen Strukturen, Studienpläne und Quality Management zusammenarbeitet, sondern dass wir aus unseren jeweiligen disziplinären Feldern einen echten Dialog entwickeln können. In unserer Doktorandengruppe entstehen Arbeiten zu Bühnenbildern ebenso wie zur Flughafenarchitektur, zu Andrea Pozzo oder Christoph Schlingensief. Jeweils zwei Abteilungen bieten dieses Semester gemeinsame Vorlesungen an. Diejenige, die ich zusammen mit der Hauptantragstellerin des Sinergia-Projekts, Frau Christine Göttler, halte, nennt sich ‹Praktiken des Innenraums: Die Grotte und das Oval Office, die Wüste und die Megalopolis, die Kaufhausbesucherin und der Asket› - und es ist überraschend, wie etwa das Thema der Vereinzelung, der autonomen Zelle, von der Frühen Neuzeit bis zu den ‹Cellules› von Absalon und den ‹Units› von Andrea Zittel funktioniert.

Aktualität der Fragestellung

Mader: Was ist die Aktualität der Fragestellung?

Schneemann: Da gibt es sicher eine Vielzahl von Antworten. Ich bin davon überzeugt, dass eine methodologische Aktualität zentral zu nennen ist. Die sehr diffuse Ausrufung eines ‹spatial turns› bietet natürlich eine Referenz. Aber die Hoffnung besteht in der Tat, dass Ansätze überprüft werden können, die den Raum als Ort von Kunstwerk und Rezipient, von Institution und Werk neu beschreiben werden. Eine Ausstellung wie die von Francis Alÿs im Kirschgarten-Museum in Basel verdeutlicht vielleicht die Aktualität einer solchen Herausforderung, Kontext neu zu denken.
Es geht in meiner Abteilung um eine Aktualität, die danach fragt, inwieweit der konkrete Handlungsraum als Bild für gesellschaftliche Verschiebungen und Spannungen momentan eine besondere Bedeutung erhält. Man muss nur einmal darauf achten, wie präsent das Diagramm von Räumen, Grundrissen, Aufrissen, Renderings in der Berichterstattung über politische Geschehnisse ist. Welche Erkenntnisse versprechen wir uns von der Lektüre einer Raumkonstellation? Wieweit trägt die These, dass sich in der aktuellen Installationskunst so etwas wie die Arbeit an der Utopie nachvollziehen lässt?
Rachel Mader, Leiterin des Kompetenzzentrums Kunst und Öffentlichkeit, Hochschule Luzern - Design & Kunst. rachel.mader@hslu.ch


Bis: 17.05.2013


‹Strategies of the Interior: Anachronisms, Discontinuities, Narratives›, Tagung zur Förderung des interdisziplinären Austauschs der Abteilungen für Kunstgeschichte der Neuzeit und Kunstgeschichte der Moderne und der Gegenwart der Universität Bern. Die Tagung ist Teil einer interdis- ziplinären Forschungsanlage mit rund 20 Wissenschaftler/innen der Universitäten Bern und Köln. Tagungsort: Univer­sität Bern und Villa Mettlen, Muri b. Bern, 16./17.5



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Ausgabe 5  2013
Autor/in Rachel Mader
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