Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Fokus
5.2013


 Die globalisierten und liberalisierten Märkte haben in vielen Ländern neue Lebens­bedingungen geschaffen. Entstanden sind auch neue Feindbil­der: Wirtschaftsflüchtlinge und Asylsuchende. Das kollaborative Kunstprojekt bblackboxx befasst sich seit sechs Jahren kontrovers bis subversiv mit derzeitigen Herrschaftspraxen im Migrationsbereich.


bblackboxx - Zeig mir, welches Papier du hast


von: Stefan Wagner

  
links: Christoph Wüthrich, Sten Ferel und Almut Rembges · Versteigerungs-Show für das Kinderanimationsprojekt Play Grounded, 2012. Foto: Celia Sidler
rechts: Jan und Moritz Bachmann · bblackboxx-Erweiterungsbau, 2012. Foto: Jan und Moritz Bachmann


Begonnen hatte alles 2007. Die Künstlerin Almut Rembges stiess beim Spaziergang im Juli auf ein unscheinbares Häuschen, von dessen überdachtem Vorplatz aus sie verschiedenste performative Ordnungen im Naherholungsgebiet ‹Lange Erlen› an der Basler Landesgrenze beobachtete. Wie immer, wo es Auslauf in einer Stadt gibt, führten Hündeler neben Spaziergängerinnen und Joggern das Spontantheater der Freizeitgesellschaft auf. Und oben auf dem Bahndamm rollten Güterzüge mit Warencontainern und ICE-Züge erzählten vom freien Reiseverkehr.
Neben dem Naherholungsgebiet befindet sich das Empfangs- und Verfahrenszentrum Basel. Zwischen neun Uhr morgens und fünf Uhr abends, unterbrochen von einem Mittagessen, dürfen die Asylsuchenden das Zentrum verlassen. Sie dürfen aber nicht arbeiten, weshalb Freizeit für sie eine andere Qualität besitzt als für die im Park Erholung Suchenden. Der Fussweg in die City ist für die Asylsuchenden weit oder kostet Geld. Wer nach 17 Uhr im Zentrum auftaucht, übernachtet im Park. Dieses rigide Ausgangsregime wird zusätzlich architektonisch orchestriert. Neben dem Zentrum steht das mit Stacheldrahtrollen und Kameras bestückte Ausschaffungsgefängnis Bässlergut.
Rembges konzipierte für diesen Ort, einen Non-Place, an dem man nur ankommt, um abzureisen, im Herbst 2007 das Theaterstück ‹Willkommen am Ziel - bblackboxx Freiburgstrasse 36›. Darin traten Asylsuchende, Parkbesucher, Interessierte, die benachbarte Hundeschule und ein Team beteiligter Tanzperformer auf. Während den Proben richtete man ein ‹No-Border Café› im Haus ein. Seither sitzen dort täglich Leute aus der Stadt und dem Zentrum.

Parapolis
Der Migrationsforscher Mark Terkessidis schreibt in seinem 2010 erschienenen Buch ‹Interkultur›, dass unser Leben mobiler geworden ist und wir stets irgendwohin unterwegs sind, ob mit oder ohne Papiere: Senioren, die den Winter im Süden verbringen, Ex-Pads, Vermögende, die von günstigen Steuern profitieren, oder Geschäftsleute. Sie kennen den Wohnort nur mehr vom Papier.
Sans-Papiers oder Asylsuchende reihen sich in dieses Szenario ein, nur sind deren Lebenssituationen wesentlich unkomfortabler. Die Migrationsströme gehen mit räumlichen und politischen Konsequenzen einher, auf welche die gegenwärtigen ­Nationalstaaten nicht vorbereitet sind. Eine Spaltung zwischen imaginärem «homogenem Volk» und tatsächlicher Bevölkerung könnte die Folge sein. Städte werden zur ‹Parapolis›, einem globalen Netzwerk, in dem viele Wahrheiten, Bedürfnisse, Ambitionen, Motivationen und Leidenschaften bestehen. Es dürfte wohl klar sein, so ­Terkessidis, dass Menschen ohne politische und wirtschaftliche Zukunftsperspektiven in ihren Heimatländern nicht davon abzuhalten sind, zu emigrieren, egal wie hoch der Preis ist, den sie bezahlen müssen.
bblackboxx entwirft in diesem politischen und wirtschaftlichen Kontext einen antirassistischen Gegenentwurf zur derzeitigen Repressionspolitik und benutzt die Mittel der Kunst, um zu handeln. Rembges legt Wert darauf, dass nicht - wie leider allzu oft im Kunstbetrieb - Asylsuchende ästhetisiert oder fetischisiert werden, sondern subversiv verfestigte Stereotypen und Bilder der Politik wie der Kunst unterlaufen werden. Darunter fällt auch der Begriff ‹Menschlichkeit›, der als Plattitüde in den Mainstream-Medien zur Umschreibung der Arbeitsweise und Absichten von bblackboxx auftaucht. Der Begriff Solidarität trifft die Absichten und die Motivation besser, da er einen Zusammenhang zwischen gesicherten und prekären Lebensbedingungen schafft und an die Frage erinnert, warum überhaupt man heute solidarisch mit Menschen sein sollte, die politisch wie ökonomisch um ihre Existenz kämpfen.
In den vergangenen sechs Jahren fanden zahlreiche Veranstaltungen, Aktionen, Ausstellungen, Workshops oder Installationen verschiedener Beteiligter statt. Interessierte - darunter auch Asylsuchende - traten als Akteure auf, konnten ihre eigenen Projekte entwickeln oder an solchen teilnehmen, die von verschiedenen Künstlerinnen und Theoretikern eingebracht wurden.

Kollaborationen
Die Historikerin Francesca Falk unternahm Touren im Grenzgebiet, um über Flucht, Grenzen und Ausschaffungsgefängnisse zu berichten. Kunst und Nichtkunst wechseln sich dabei ab. Die Journalistin Susanne Zahnd bot Yoga-Stunden an und gab 2010 eine Zeitschrift heraus, in der ein Inhaftierter über seinen zweijährigen ­Aufenthalt im Ausschaffungsgefängnis Bässlergut berichtet. «Sie sagen, dass ich ­illegal bin, selbst nachdem ich sie um den Gefallen gebeten habe, mich ausreisen zu lassen, aus gesundheitlichen Gründen. Sie haben keine Ahnung, was es bedeutet, mich dahin zu schicken, wo ich hergekommen bin. (...) Welche Indifferenz, denke ich, welche Ignoranz, was für ein Geiz, welche blinde Bosheit lenkt die Entscheidungsträger und die Behörden, dass sie die Leiden und die Traumen, die uns quälen, nicht verstehen können und nicht in der Lage sind, mitzufühlen.»
Wenn bblackboxx etwas bewirken kann, dann besteht es darin, die Betroffenen aus ihrer verordneten Isolation herauszuholen, dem anonymen Insassen ein Gesicht zu geben. Im Sommer 2012 fand das sechs Wochen dauernde, von Christoph Wüthrich konzipierte Animationsprojekt ‹play-grounded› mit Kindern aus dem Zentrum und der Stadt statt. Die Kinder malten und tanzten im Park, womit Wüthrich öffentlich machen wollte, dass die Flüchtlingskinder aufgrund ihres prekären Status gegenüber Kindern mit gesicherter Situation benachteiligt werden, da sie kein Spiel- und Lernangebot erhalten. Sichtbarkeit als Aufklärung und Protest wird auch mit dem Aquarell-Club angestrebt. Der Club fertigte in Sit-ins Aquarelle des Bässlerguts vor dessen Eingang an, um gegen die neue Ausschaffungsinitiative zu protestieren.
Politischer Protest ist eine Form, die bblackboxx auch in die Stadt trägt. Während der Basler Fasnacht schlich sich die Anti-Unclique als kleiner Demonstrationszug in den grossen Umzug ein. Auf einem Transparent stand ‹S'Bässlerguet i Rhy, mir schaffe ali yy›. Fasnacht kann auch Minderheiten-Themen aufgreifen, die von der Mehrheit ignoriert und marginalisiert werden. Man kann nur hoffen, dass bblackboxx weiterhin unbequem bleibt, denn solche Initiativen, die Kunst und Politik sichtbar kontrovers miteinander verschränken, sah man in den letzten Jahren in der Schweiz allzu selten.
Stefan Wagner studierte Kunstgeschichte und arbeitet unter anderem als freier Journalist. Er lebt in Zürich. stefan.h.wagner@gmx.ch


Bis: 02.06.2013


‹Lager, Feuer, Polizei, Störung, Fetisch, Asyl, Kunst›, im Rahmen des Wildwuchs Festivals, 24.5.-2.6.
‹No Border Academy›, im Rahmen von POPCAP '13, Museum der Kulturen Basel, 6.-23.6.;
‹Dantons Tod›, von Jonas Gillman, 7.-16.6. bblackboxx, Basel, gegründet 2007
Zurzeit wird bblackboxx hauptsächlich von Anja Rüegsegger, Natascha Nüesch und Sara Grütter in Zusammen­arbeit mit Almut Rembges geführt.

Veranstaltungen/Aktionen/Ausstellungen (Auswahl)
2013 ‹Transfer (Reloaded)›, von Anja Rüegsegger, Natascha Nüesch und Sara Grütter
2012 ‹Abhängen und Austauschen›, mit Wolfgang Michna, Tina Ahmadi, Barbara Naegelin; ‹5 Years bblackboxx!›; ‹bblackboxx Doubles›; ‹Europäischer Marsch der Sans-Papiers und Migrant/-innen›; ‹bblackboxx-Erweiterungsbau›, von Jan und Moritz Bachmann; ‹Play-Grounded›, von Christoph Wüthrich; ‹No-Budget Hello Kitty Therapeutic Theme Park›, von Hiuwai Chan
2011 ‹A Hundred Days of Manifestation›, mit Heath Bunting; ‹Transfer›, eine bblackboxx-Delegation (Stadtgalerie Bern); ‹Immigration Movement International›, von Katrin Grögel und Almut Rembges; ‹bblackboxx vs.Finkenschlag - Eine transkulturelle Übertragung›; ‹Subkultur Skulptur Klub›; ‹Hidden Cities›, von Giordano Pennisi
2010 ‹Vom Zuhause, ein Sommer der Erkundung›, konzipiert von Axel Töpfer und Almut Rembges; ‹Basel Lesbar›, mit Künstlerkollektiv Graffitimuseum (Berlin); ‹bblackboxx Mirror› (Projektzeitung) von Suzanne Zahnd (Redaktion) und Emanuel Tschumi (Grafik); ‹Streifzüge mit Vögeln und Heuschrecken›, von Marcus Held und Patrick Franke; ‹Phone Home Haraga›, von Heath Bunting und James Kennard; ‹Cook the Rich›, von Celia Sidler; ‹Das 4.Land›, von Esther Hiepler und Max Philipp Schmid; ‹!Oubliez?›, von Alexandra Jung; ‹Provisorium 24/7›, von Marcel Schwald, Nicole Gabriele Schöpfer und Almut Rembges; ‹Close Up Demanufacturing Consent›, von Almut Rembges; ‹Images of Illegilized Immigration›, von Francesca Falk
Ab 2008 ‹No-Border Café›; ‹Diorigine›, von Manon Bellet; ‹Sideseeing›, von île flottante; ‹Le sable mouvant›, von Isabel Schmiga; ‹Picture Service›, von Barbara van der Meulen
2007 ‹Willkommen am Ziel - bblackboxx Freiburgstrasse 36›, Theaterstück, Almut Rembges (Regie)

Preise 2013 Werkraum Warteck pp Preis (grosses Warteck Festival am 25.5. anlässlich von 20 Jahre WW) 2009 Kunstkredit Basel-Stadt



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 5  2013
Institutionen bblackboxx [Basel/Schweiz]
Autor/in Stefan Wagner
Link http://www.wildwuchs.ch
Link http://www.mkb.ch
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=130419121327C6H-3
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.