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Fokus
5.2013


 Guten Tag Rotkäppchen - Hallo lieber Wolf. Das ist der einzige Wortwechsel in ‹Akazukin›, einem 40-seitigen Buch der Japanerin Yukari Miyagi. Benjamin Sommerhalder, Nieves Books, hat mich vor drei Jahren auf das Werk hingewiesen. Seither liegt es auf meinem Arbeitstisch.


Ansichten - Wolfsgeschichten


von: Margrit Rosa Schmid

  
Yukari Miyagi · Akazukin, 2008, Credits Nieves und Happa-no-Kofu


«Ma mère-grand, que vous avez de grandes dents. C'est pour te manger. Et en disant ces mots, ce méchant Loup se jeta sur le Petit Chaperon rouge, et la mangea.»
So endet die Erzählung ‹Le Petit Chaperon Rouge›, die 1698 erstmals erschienen ist. In einer beigefügten moralité warnt der Autor Charles Perrault schöne Mädchen vor Menschen, die sich ihnen scheinbar im Guten nähern. Sie könnten schlimme Absichten haben, wie der Wolf in unserer Geschichte. Die Brüder Grimm lassen das Mädchen und die Grossmutter von einem Jäger aus ihrer misslichen Lage befreien. Den Wolfsbauch füllt er mit Steinen, an denen das Tier stirbt.
In Yukari Miyagis ‹Akazukin› stehen sich auf der achten Doppelseite der Wolf und das Mädchen gegenüber. Hier findet der eingangs erwähnte Wortwechsel statt. Der Wolf steht zur Hälfte angeschnitten links oben am Bildrand, sein Kopf ragt über den Bund auf die rechte Seite. Zähnefletschend schleudert er dem Mädchen seinen Gruss zu. Schwarze Punkte deuten Augen und Nasenlöcher an. Die Spitze seines Schwanzes berührt den Boden. Das Geschlecht des Tieres scheint weiblich. In der Bauchgegend runde Steinzeichen, unter dem Wolfskörper ein kläglich kleiner Schatten, rot wie die Mütze des Kindes.
Rotkäppchen steht unter der aufgerissenen Wolfsschnauze, in die es mit Leichtigkeit hineinpassen würde. Es neigt seinen zarten Oberkörper mit den nackten Ärmchen und den Kopf leicht nach hinten, die Augenbrauen hochgezogen, die Augen auf den Wolf gerichtet, den Kindermund geöffnet. «Hallo lieber Wolf», heisst es in der Sprechwolke, die sich erst zur Spitze der Mütze und dann dem Mädchenrücken entlang dem Boden zu bewegt - mit den von oben nach unten gesetzten japanischen Schriftzeichen. Die Wolke trifft den Weg, auf dem das Kind gegangen sein mag.
Auch Rotkäppchen hat einen Schatten. Er liegt als rotgrüne Flamme stumpfwinklig zu seinem Körper über dem Strässchen. Die Lichtquelle ist bodennah, beim Wolf senkrecht über ihm. Die Fläche unterhalb des Weges ist leer. Vögel und Pflanzen der vorausgehenden Seiten sind verschwunden, es herrscht ‹Totenstille›. Dieser Doppelseite - mit der Illustration der Begegnung, bei der Rotkäppchen dem Wolf sein Ziel verraten haben muss - ist oben rechts die Ecke weggerissen.
Yukari Miyagi lebt in Tokio. Dort kam sie 1965 zur Welt. Im selben Jahr entsteht Warja Lavaters (1913-2007) legendäres ‹Le Petit Chaperon Rouge›. Die beiden Frauen haben zwei eindrückliche Visionen dieser alten Wolfsgeschichte vorgelegt. (S. 105)
Margrit Rosa Schmid ist Verlagsleiterin SJW Schweizerisches Jugendschriftenwerk. office@sjw.ch



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Ausgabe 5  2013
Autor/in Margrit Rosa Schmid
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