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Besprechung
5.2013


Hans Rudolf Reust :  Erstmals zeigt Silvia Bächli ihre Arbeiten bei Raffaella Cortese. Die Mailänder Galerie versammelt eine zusammenhängende Gruppe ihrer neusten Zeichnungen. Zugleich wird die mit Eric Hattan entwickelte Fotoinstallation ‹Hafnargata›, 2011, in einem Showroom zur Strasse hin neu inszeniert.


Milano : Silvia Bächli


  
Silvia Bächli · Ohne Titel, 2012, Gouache, 75x55 cm, Courtesy Galleria Raffaella Cortese, Milano


Der Raum im Souterrain mag zunächst seltsam verwinkelt erscheinen mit seinem unter der Decke eingeschobenen Kubus aus dem Erdgeschoss. Danach erstaunt die Selbstverständlichkeit, mit der die einzelnen Blätter von Silvia Bächli in dieser vielschichtigen Konstellation ihren Ort finden. Grosse oder intime Formate, farbige und schwarzweisse Arbeiten verbinden sich zu kleinen Gruppen, die einen Rhythmus schwebender Aufmerksamkeit über den ganzen Raum hin schaffen.
In einer Wandnische hängt eine der neuesten Arbeiten, ein grosses Blatt, das ebenso ein eigenständiges Werk wie ein mögliches Bild der gesamten Ausstellung sein könnte: In der Mitte hält sich ein Bündel einzelner vertikaler Pinselstriche von unterschiedlicher Farbigkeit und Helligkeit, die einander parallel angelagert sind, ohne sich je zu verbinden. Die wiederholte Geste des Beginnens von Zeichnung hält hier ein und hat, wie unversehens, eine übergreifende Form gefunden. Mit diesen neuen Strichbildern verschärft Bächli eine grundlegende Frage ihrer Arbeit: Wo in der weis-sen Fläche setzt die Zeichnung jeweils ein und wo setzt sie aus? Die Unmittelbarkeit einer erfahrenen, aber nie einstudierten Geste bestimmt sowohl ihre figürlichen wie ihre im Zeichnen selbstbezüglichen Blätter, in denen einzelne Linien die Fläche in einem organisch orthogonalen Raster überziehen oder von den Rändern her ausloten.
So sehr die einzelnen Blätter hier ihren eigenen Raum einnehmen - ziemlich viel mitunter - so wichtig sind die bewusst gesetzten Dialoge zwischen den Strichzeichnungen auf gegenüberliegenden Wänden. In einem mittleren Hochformat schiebt sich unten rechts ein gerader, streng horizontaler Pinselstrich in die offene Fläche, biegt in einem präzisen rechten Winkel nach oben ab, um schliesslich in einer dritten, blauen freien Linie auszutreiben und sich in der Fläche zu verlieren. Oder hat diese Bewegung in drei Phasen nicht vielmehr im Unbestimmten ihren Ursprung, um an einem definierten Punkt am Bildrand ihren Abschluss zu finden? Diesem Blatt antwortet ein weiteres mit einem Punkt, an dem sich sieben Geraden wie zum Aufriss eines n-dimensionalen Raumes treffen. Durch die spitzen Winkel zwischen diesen Geraden öffnen sich Dreiecke, die teilweise ausgemalt sind, als gäbe es in diesem imaginären Raumgefüge auch farbige Schatten. Die vielteilige Fotostrecke im zweiten, von der Strasse einsehbaren Ausstellungsraum bindet den subjektiven Blick in Mailand überraschend an eine mögliche Wirklichkeit auf Island zurück.

Bis: 04.05.2013



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Ausgabe 5  2013
Ausstellungen Silvia Bächli [21.02.13-04.05.13]
Institutionen Galleria Raffaella Cortese [Milano/Italien]
Autor/in Hans Rudolf Reust
Künstler/in Silvia Bächli
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