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5.2013




Berlin : Nothing to declare?


von: Miriam Wiesel

  
Araya Rasdjarmrearnsook · Dow Song Duang - The Two Planet Series, Manet's Luncheon on the Grass and the Thai Farmers, 2007-2008


‹Can the subaltern speak?› Diese schon klassische Frage der indischen Literaturwissenschaftlerin G. Spivak aus dem Diskurs der Postcolonial Studies liesse sich vielfältig durchdeklinieren. Anstelle des ‹speak› würde man ‹Kunst machen›, ‹Kunst handeln›, ‹Kunst sammeln›, ‹Kunstmuseen bauen›, ‹Kuratieren›, ‹Kunstgeschichte schreiben› u.ä. setzen, und anstelle des ‹subaltern› das bislang namenlose, durch Ausschluss definierte Subjekt aus ‹The West and the Rest›. Wie anders als mit Ja müsste man heute antworten?
Die Globalisierung der Kunst, analog zur wirtschaftlichen und informationstechnologischen Globalisierung, hat 1989 einen Schub bekommen. An die Seite der westlichen Länder sind neue Player getreten und beanspruchen zunehmend die ihnen lange Zeit vorenthaltene Rolle in der Welt. Auch und besonders kulturell.
Jean-Hubert Martin und seiner umstrittenen Ausstellung ‹Magiciens de la terre› (Paris 1989) - hier, wie viele andere Referenzen, nur vertreten durch den Katalog - kommt dabei eine zentrale Rolle zu. Wenige Monate vor dem Fall der Mauer vereinte sie erstmals gleichberechtigt hundert Künstler aus dem ‹Zentrum› (Europa und die USA) und der ‹Peripherie› (Afrika, Lateinamerika, Asien und Australien). Martin selbst sah das als Fortführung seiner Art, ‹geografisch› zu arbeiten, hatte er doch 1979 mit der Ausstellung ‹Paris-Moskau› im Centre Pompidou eine damals im Westen noch kaum bekannte Kunst von jenseits des Eisernen Vorhangs vorgestellt. Wie sich die ‹Entdeckung› und allmähliche Einbeziehung der noch lange unter dem distanzierenden Begriff Weltkulturen gefassten nicht-westlichen Kunst seither vollzog, demonstriert die an geschichtsträchtigem Ort neben dem Brandenburger Tor gezeigte ‹Dokumentarische Ausstellung mit künstlerischen Positionen›.
Im ‹Room of Histories› werden die gleichzeitigen Ungleichzeitigkeiten nebeneinander existierender Modernen erzählt bzw. durch Grafiken und Statistiken sich teilweise überlappender Narrative sichtbar gemacht. Unübersehbar ist, wie sich hegemoniale Strukturen verändern und der westliche Kunstmarkt seine dominante Stellung verliert. China drängt auch hier an die Spitze. Die Zunahme der Biennalen von etwa zwanzig im Jahr 1990 auf heute mindestens hundertfünfzig wird anderswo kartiert. Parallel dazu hat sich der Typus des um die Welt jettenden Künstlers/Kurators/Sammlers ausgebreitet. Neue Kunstregionen haben sich erfunden und etabliert. Aber auch ein Organ, wie die von Rasheed Araeen (*1935, Karatschi) 1987 gegründete Zeitschrift Third Text, wurde geschaffen, um den Diskurs über Kunst in eigene Regie zu nehmen. Hundert Ausgaben von Third Text sind in seinem ‹Reading Room› ausgestellt.
Die wenigen in Berlin vertretenen Positionen - gerade mal 16 der rund 130 in Karlsruhe gezeigten, ursprünglich für das ZKM erarbeiteten Ausstellung (KB, 1/2, 2012) - illustrieren leider eher die Thesen von ‹Nothing to declare?›, z.B. dass das, was wir als Kunst akzeptieren, anderswo exotisch ist. Der umfangreiche Katalog schafft Abhilfe, denn um die komplexe Verflechtung einer globalisierten Kunst verstehen zu können, wäre die Wendung ‹We are looking at them - they are looking at us› - immer noch viel zu sehr auf den Westen fixiert.

Bis: 26.05.2013



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Ausgabe 5  2013
Ausstellungen Nothing to declare? Weltkarten der Kunst nach '89 [01.02.13-26.05.13]
Institutionen Akademie der Künste [Berlin/Deutschland]
Autor/in Miriam Wiesel
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