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Hinweis
5.2013




Emmenbrücke : Die Linie denkt


von: Sarah Merten

  
links: Samuli Blatter · Rear Field, 2013, Grafit auf Papier, 200x280 cm (je 100x70 cm)/Highway Feedback, 2013, verschiedene Materialien, ca. 15x900x200 cm. Foto: Sabrina Labis
rechts: Filib Schürmann · vor dem zu bett gehen, 2012, Tusche, Acryl und Farbstift auf Papier, 200x150 cm, Courtesy Rotwand, Zürich


Je pense, donc je suis. Was der französische Philosoph René Descartes einst als Beweis menschlicher Existenz anführte, wird heute für die Zeichnung behauptet. Dem Titel nach bemisst die Gruppenschau ‹Die Linie denkt› die Existenz einer Zeichnung also anhand ihres Reflexionspotentials.
Spätestens seit den vielbeachteten Ausstellungen ‹Voici un dessin suisse› in Genf und Aarau (2010/2011) und ‹LINEA› in Zug (2011) ist es offiziell: Die Zeichnung hat sich seit den Sechzigerjahren durch Einflüsse der Minimal Art und Konzeptkunst zu hybriden Formen entwickelt und ihre Erweiterung in sämtliche Medien erfahren - weit entfernt von Stift und Papier. Ehemals der Nachahmung verpflichtet und gewissermassen passiv einer Form folgend, hat sich die Zeichnung längst davon gelöst. In ihrer gestischen Unmittelbarkeit gilt sie als DAS Reflexionsinstrument über die Zustände der Welt. Man könnte sogar meinen, Nachdenklichkeit sei das Credo heutiger Zeichner/innen.
Die Kuratorin Natalia Huser geht sogar noch einen Schritt weiter, wenn sie mithilfe von sechs jungen Positionen behauptet, die Linie denke selbst.
Die Komplexität dieser Gedankenspielerei verdeutlichen die Arbeiten von Samuli Blatter (*1986). Auf sechs grossformatigen Blättern überlagern sich unterschiedlich breite, mit dem Lineal gezogene Striche. Durch den Gerüstcharakter werden räumliche Verhältnisse sichtbar. Auf dem Boden gleiten in Korrespondenz dazu mit Graphit bemalte, zusammen getackerte Holzstangen über tiefe Holzblöcke und Ziegelsteine. Vergeblich sucht man in der Konstruktion nach einem rationalen Ordnungsprinzip. Blatters Interesse gilt der Visualisierung von Gedankengängen als nicht lineare Prozesse. Er reflektiert das eigene Denken durch die Hand und benutzt die Linie als Übersetzungsinstrument des Ephemeren. Mit Linien umreisst er einen Denkraum, welcher gleichzeitig als kognitiver Katalysator wirkt. Frei nach dem Soziologen Bruno Latour wird der Zeichnung damit handelnde Aktivität zuteil und die Dichotomie zwischen Subjekt und Objekt ist aufgehoben. Nicht weniger komplex, aber deutlich wilder werden Gedankengänge bei Filib Schürmann (*1975) ausformuliert. In seinen grossformatigen Papierarbeiten entwachsen schauerliche Fratzen dem obsessiven Strich. Beständig überschneiden sich die Linien und Flächen und lassen immer abenteuerlichere Formen lesbar werden. Es ist, als kämpften hier dämonische Mikrokosmen um ihre Loslösung. Die Narration folgt keiner klaren Logik, vermag jedoch sehr wohl ihre Expansion in die Abgründe des eigenen Daseins zu vollziehen.

Bis: 05.05.2013



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Ausgabe 5  2013
Ausstellungen Die Linie denkt. Formen der Zeichnung [16.03.13-05.05.13]
Institutionen akku/Kunstplattform [Emmenbrücke/Schweiz]
Autor/in Sarah Merten
Künstler/in Samuli Blatter
Künstler/in Filib Schürmann
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