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5.2013




Paris : Adrian Paci


von: J. Emil Sennewald

  
links: Adrian Paci · The Column, 2013, Video, 25'40', Courtesy kaufmann repetto, Milan; Galerie Peter Kilchmann, Zürich
rechts: Adrian Paci · Adrian Paci Vajtojca (Pleureuse) 2002, Video, 9'10', Courtesy kaufmann repetto, Milan; Galerie Peter Kilchmann, Zurich.


«Das Verhältnis des Künstlers zu seinem Werk ist wie das einer Mutter zu ihrem Baby. Nicht des Vaters, der Mutter.» Adrian Paci (*1969) 1997 von Albanien nach Mailand exiliert, lächelt. Das tut er nicht oft im Gespräch. Ihm ist es ernst, auch wenn er gern Scherze macht. Wie mit dem neunminütigen Video ‹Vajtojca›, 2002, in dem er sich lautstark wie ein Toter betrauern lässt. Der Trauergesang hadert über sein Exil. Am Schluss steht er auf, dankt und geht. «Mich interessiert Instabilität, der Moment, in dem Bilder und Geschichten zu atmen beginnen», erklärt er. Dafür braucht er Geduld. Vier Jahre habe es gedauert, um ‹La colonne› zu realisieren. Das Video ist Herzstück von Pacis erster Retrospektive in Frankreich. Es zeigt, wie ein Marmorblock in China gebrochen wird, auf das Schiff gelangt, um während der langen Reise von chinesischen Steinmetzen zur antiken Säule geformt zu werden. Das Ergebnis liegt vor dem Jeu de Paume, wie ein Ersatzteil für das 1861 erbaute historistische Gebäude. «Ich bin durch eine Geschichte, die mir ein Freund erzählt hat, auf die Idee gekommen. Grosse Marmorelemente, von China aus verkauft, werden tatsächlich auf der Reise hergestellt.» Wir kennen den Maler Paci als Storyteller, der mit Videos anrührend tragikomische Wendungen der Geschichte vermittelt: «Mir geht es um Materialität und Zeit des Bildes, ich will ihm eine andere Zeit geben, sie ausdehnen oder aufhalten.» Im Video ‹Electric Blue›, 2011, kommt einer auf die Idee, Pornos vom Fernseher abzufilmen, um sie dann im Dorf zu vertreiben. Das Geschäft läuft gut, doch als der halbwüchsige Sohn die Filme entdeckt und der Krieg ins Land kommt, überspielt der Ich-Erzähler die Tapes mit Militär-Dokumentationen. Erst später merkt er, dass zwischen zwei Takes von Kanonen und Düsenjets noch Schnipsel stöhnender Kopulationen aufblitzen. Solch absurdes Theater bietet ‹La colonne› weniger. Paci filmt vorsichtig die Arbeitsrealität der Menschen, ihre Gesichter und Bewegungen: «Es ging mir um Anteilnahme und Distanz.» Harte körperliche Arbeit wird gezeigt, wie man sie in Europa nicht mehr zu sehen gewohnt ist. «Bilder sind nicht nur kulturelle Überbleibsel», erklärt er und holt mit Brecht'scher Geste aus, «es schreiben sich Dauer und Art ihrer Produktion in sie ein. Das ermöglicht eine andere Erfahrung von Zeit und erzählter Realität.» Selbst Auftraggeber der Säule, könnte man Paci vorwerfen, dass er die Arbeiter à la Santiago Sierra ausnutzt. Doch dafür ist sein Blick zu respektvoll, seine Inszenierung zu fragil. Paci zeichnet ‹Leben im Transit› auf, so der Titel der Ausstellung. Und tritt mit jeder Aufzeichnung selbst wieder in den Raum zwischen Aufbruch und ungewisser Ankunft.

Bis: 12.05.2013



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Ausgabe 5  2013
Ausstellungen Adrian Paci [26.02.13-12.05.13]
Institutionen Jeu de Paume [Paris/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Adrian Paci
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