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Fokus
6.2013


 Malerei als Kampf? Malerei als ruppiger Prozess zwischen Konstruktion und Dekonstruktion? Mit ihren skizzenhaften Bildern untersucht El Frauenfelder Schnittstellen zwischen der physischen Präsenz von Farbe und der hungrigen Einsamkeit der Motive. Welche künstlerische Haltung verbirgt sich hinter den flüchtigen und zugleich auffallend erdigen Bildern? Ein Gespräch.


El Frauenfelder - Malerei als physischer Widerstand


von: Markus Stegmann

  
links: Gebäude und Lastwagen, 2012, Öl auf Leinwand auf Holz, 37x30 cm
rechts: Basketball-Korb, 2011, Öl auf Leinwand, 106x136 cm


Stegmann: Deine Bilder zeigen ausgedehnte Landschaften, Stadtansichten, Innenräume und stilllebenartige Situationen. Gehst du von Fotografien aus?

Frauenfelder: Ja, ich habe die Kamera meistens dabei, manchmal sogar beim Joggen. Die Fotografie formuliert so etwas wie die Konditionierung des Bildes, gibt Anlass für das Bild und dessen Bezugsrahmen. Allerdings geht es mir nicht um die topografische Wiedererkennbarkeit einer Landschaft oder um die porträthafte Abbildung eines Stadtraums im Sinne einer klassischen Vedute. Während des Malprozesses wandelt sich das Motiv, ohne dass ich etwas bewusst hinzufüge oder wegnehme.

Stegmann: Wie beginnst du konkret mit einem Bild?

Frauenfelder: Ich beginne mit ein paar Flecken oder Flächen, aus welchen sich nach und nach das Motiv entwickelt. Zuerst lege ich eine bestimmte motivische Konstellation an, um in den Malprozess zu finden, der für mich etwas Kampfmässiges hat.

Stegmann: Malerei als Kampf?

Frauenfelder: Als notwendigen Widerstand. Ich konstruiere, um zu dekonstruieren. An irgendeinem Punkt muss ich das Bild aufgeben, innerlich ablegen, wegpacken. Es ist schlimm, wenn ich während des Malens keinen Widerstand spüre. Dann ist etwas nicht gut. Am liebsten male ich ein Bild an einem einzigen Tag, höchstens an zweien. Ich muss dranbleiben. Malen ist für mich eine körperliche Auseinandersetzung.

Identität

Stegmann: Fasziniert von der Geschichte der Indianer bist du bereits mit 15 Jahren nach South Dakota gereist und danach immer wieder dorthin zurückgekehrt. Wie haben dich Vergangenheit und Gegenwart der Indianer beeinflusst?

Frauenfelder: Als Kind und Jugendliche habe ich mehr als 500 Bücher über Geschichte und Kultur der Indianer gelesen, ja, geradezu verschlungen. Mir kommen gewisse Dinge in unserer Kultur seltsam vor, weil ich mich stark mit der Lebenswirklichkeit der Indianer identifiziert habe. Wenn man in meinen Landschaftsbildern Empfindungen von Einsamkeit, Weite oder melancholische Anflüge verspürt, so mag es hier durchaus Zusammenhänge geben. Etwas Ähnliches habe ich einige Zeit später in Finnland erlebt. Ich brauche den landschaftlichen Raum, um mich über ihn und durch ihn zu identifizieren.

Stegmann: Von 2000 bis 2005 hast du in Helsinki Kunst studiert. Auch die letzten vier Jahre warst du dort und bist erst im Januar 2013 wieder in die Schweiz zurückgekehrt, bezeichnenderweise nicht nach Zürich, wo du vorher gelebt hast, sondern in die offene Landschaft bei Ossingen. Wie kam es zum Entschluss, von Zürich nach Helsinki zu gehen, und was zieht dich immer wieder in den hohen Norden Europas?

Frauenfelder: Bereits als Schülerin verbrachte ich ein Austauschjahr in Finnland. Damals lernte ich meinen Partner kennen. Mich haben die Wälder fasziniert und die brüchigen Ränder zwischen Zivilisation und Natur. Während der letzten Jahre schoben sich die peripheren Wohngebiete Helsinkis immer weiter in die Natur hinein.

Stegmann: Der Verzicht auf Keilrahmen und die unregelmässig breiten, weissen Ränder, die vom Bildgeschehen ausgespart bleiben, verleihen deinen Bildern etwas Vorübergehendes, Unabgeschlossenes. Manche deiner Bilder gleichen eher Skizzen, als perfekt zu Ende gemalten «Werken».

Frauenfelder: Ich sehe Bilder als Momentaufnahmen einer kaleidoskopartigen Situation. Es geht mir um die Bewegung der Flächen. Alles verschiebt sich permanent: die Bewegungen im Bild, unser Betrachtungswinkel, das Licht. Die technischen Aspekte der Malerei sind verfänglich: Allzu schnell wird nur die Technik bewundert, was eine genauere Analyse der Wirkung eines Bildes verhindert. Als Kind konnte ich ganz gut zeichnen, was bei den Erwachsenen natürlich gut ankam. Allerdings wurde mir dieser «Erfolg» bald suspekt. In meinen Bildern gehe ich gegen unsere Konditionierungen vor, die immer noch erstaunlich stark von technischen Fertigkeiten beeinflusst sind, zumal in der Malerei. Ich versuche, traditionelle Erwartungen an «das Bild» zu unterlaufen, ohne dass ich offen dagegen opponiere. Das wäre mir zu plump.

Kaleidoskop

Stegmann: In deiner Malerei der letzten Jahre gibt es viele Bilder mit dunklen, erdigen Farbtönen, andere mit auffallend heller Palette, welche die Motive entmaterialisieren. Wie entstehen die Entscheidungen für die Verwendung von Farbe?

Frauenfelder: Meine Farbentscheidungen kommen aus einer gewissen Ablehnung von Harmonien. Farbe muss physisch sitzen, muss präsent sein. Auch wenn bestimmte Farben regelmässig wiederkehren, entstehen sie intuitiv. Ebenso wichtig ist mir der physische Prozess des Farbauftrags, meistens mit dem Spachtel. Das Schaben, Kratzen und Ziehen der Farbe auf der Leinwand ist ein roher, unabschliessbarer Prozess, dessen physische Spuren ebenso über die Bildwirkung entscheiden wie der Farbton.

Stegmann: Sowohl die einsamen, weiten Landschaften als auch die aktuellen Bilder von Wohn- und Wirtschaftsgebäuden leben bei aller Skizzenhaftigkeit der Bildanlage von einer spezifischen Form des Illusionismus. Welche Wahrnehmungsmöglichkeiten bieten die illusionistischen Eigenschaften deiner Malerei?

Frauenfelder: Die Bildillusion lebt von der permanenten Spannung zwischen Konstruktion und Dekonstruktion. Ich konstruiere Illusion, um sie ein Stück weit wieder einzureissen. Oder anders formuliert: Der illusionistische Bildraum in meiner Malerei besitzt Eigenschaften eines Modells. Es ist nicht die perfekt inszenierte Illusion, die mich interessiert, sondern die gebrochene, gewissermassen «baufällige», die den Motiven den Charakter von Chiffren verleiht. Indem ich die Illusion sozusagen auf halbem Wege wieder abbreche, setzt sie im Bild etwas Rohes, Imperfektes in Gang, das mir wichtig ist.

Stegmann: Gerade in der Schweiz wird Malerei manchmal als ein schwieriges, weil einerseits durch das 20. Jahrhundert ausgelaugtes, andererseits seltsam beschauliches Medium empfunden, dem man wenig Virulenz zutraut. Was bedeutet für dich Malerei?

Frauenfelder: Mir liegt das Medium, ich hatte schon immer eine Affinität dazu. Malerei ist ein Rahmen, den ich mir setze. Vielleicht könnte ich auch einmal etwas Dreidimensionales probieren. An der Malerei interessiert mich die paradoxe Situation, in der Fläche Raumwahrnehmungen zu erproben, was bis zu einer Form von physischer Anstrengung geht. So auch beim Joggen: Ich muss den Raum sozusagen physisch durchackern.

Illusion

Stegmann: Welche malerischen Positionen der Kunstgeschichte oder der Gegenwartskunst sind dir wichtig?

Frauenfelder: Früher haben mich Rembrandt und El Greco interessiert, später Max Beckmann, Max Gubler und der heute fast vergessene Eugen Meister: seine einfache, klare Bildanlage fasziniert mich noch immer. Ausserdem David Hockney, Georgia O'Keeffe. In der zeitgenössischen Kunst sind es beispielsweise die Bilder von Marcus Eek oder Petra Mutka.

Stegmann: Welche Themen beschäftigen dich gerade? Woran arbeitest du?

Frauenfelder: In den aktuellen Bildern möchte ich noch stärker als zuvor die Harmonie aufbrechen. Es geht mir immer weniger um abgeschlossene Werke, sondern darum, einen Fluss von Bildern in Gang zu setzen. Dazu gehören auch Dialoge und Spannungsbögen zwischen den Bildern, so wie in der aktuellen Ausstellung bei B. Weiss in Zürich. Der weisse Rand ist kein Markenzeichen, sondern eher Rest eines Kampfes, einer physischen Auseinandersetzung mit Farbe und Form, Bewegung und Motiv.

Markus Stegmann, Kunsthistoriker und Autor, Dozent für Kunsttheorie am Institut Kunst der HGK Basel/FHNW, www.markusstegmann.ch

Bis: 13.07.2013


El Frauenfelder (*1979, Zürich), lebt in Ossingen ZH

2000-2005 Studium an der Academy of Fine Arts Helsinki
Studienabschluss mit dem Master in Malerei

Einzelausstellungen (Auswahl)
2007-2012 Galerie Brigitte Weiss, Zürich
2009 Stiftung Binz 39, Zürich
2008 Forde, Espace d'art contemporain, Genf

Ausstellungsbeteiligungen (Auswahl)
2012 ‹X, Malerei in Zürich›, Helmhaus Zürich
2011 ‹Werk- und Atelierstipendien der Stadt Zürich›, Helmhaus Zürich; ‹HundKatzMaus›, Kunsthaus Zürich; ‹Zwischenlager, Ankäufe der Stadt Zürich 06-10›, Helmhaus Zürich
2010 Substitut, Raum für aktuelle Kunst aus der Schweiz, Berlin (mit Susanne Hofer); ‹Werkschau›
2010©, Kanton Zürich, Werkbeiträge Bildende Kunst, F + F, Zürich; ‹Moment›, Amos Anderson Art Museum, Helsinki
2008 ‹Unter 30 VI›, Kiefer Hablitzel-Preis, Kunsthaus Langenthal; ‹Junge Malerei 2007-2008›, Kunstraum Baden; ‹Kleine Kunstgeschichte der Schweizer Malerei - Seitenwege›, Kunsthalle Palazzo, Liestal
2007 ‹Dessine-moi un mouton›, Kunstmuseum Thurgau, Karthause Ittingen, Warth; Programme video by bureauxdesvideos.com, Restaurant Georges, Centre Georges Pompidou, Paris
2006 Swiss Institute New York at Milwaukee Art Fair



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Ausgabe 6  2013
Ausstellungen El Frauenfelder [31.05.13-13.07.13]
Institutionen Brigitte Weiss [Zürich/Schweiz]
Autor/in Markus Stegmann
Künstler/in El Frauenfelder
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