Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Fokus
6.2013


 Der bislang dichteste Auftritt der Arbeiten des britischen Videokünstlers Steve McQueen, verbunden mit der sehr aufwändigen Präsentation im Schaulager Basel, wird zu einem Test fürs Auge. Nicht hinsichtlich der Sehkraft des menschlichen Organs, sondern in Bezug auf seine Fähigkeit, Gesehenes zu verarbeiten und zu ertragen.


Steve McQueen - Augentests und visuelle Waschmaschinen


von: Daniel Morgenthaler

  
links: Charlotte, 2004, Installationsansicht, Emanuel Hoffmann-Stiftung. Foto: Tom Bisig
rechts: Deadpan, 1997, Videostill, Courtesy Marian Goodman Gallery, New York/Paris, und Thomas Dane ­Gallery, London


Mit einer Eintrittskarte darf man die Ausstellung von Steve McQueen im Schaulager Basel drei Mal besuchen. Das macht nicht nur deshalb Sinn, weil man all die Filmstunden fast nur in mehreren Etappen bewältigen kann, sondern auch, weil McQueens Werk das Auge ganz besonders beansprucht: Der britische Künstler schaut, was das menschliche Auge erträgt - das wird in der aktuellen Ausstellung deutlich.
Am eindeutigsten unterzieht er das Sehorgan in der Arbeit ‹Charlotte› von 2004 einem Belastungstest: Der etwa fünf - lange - Minuten dauernde 16-mm-Film zeigt ein Auge der britischen Schauspielerin Charlotte Rampling in Nahaufnahme. Ein Finger greift immer wieder in den Bildausschnitt und berührt die Haut rund um Ramplings Auge, bis er schliesslich sogar in die Netzhaut hineingreift. Wenn das Auge eine «offene Wunde» ist, wie McQueen es auch schon bezeichnet hat, dann ist diese Geste eine ganz ähnliche wie diejenige von Jesus' Jünger Thomas, visualisiert im Gemälde Caravaggios: Der zweifelnde Thomas greift in die Wunde auf Jesus' Brust, weil er den haptischen Beweis für die Echtheit der Verletzung braucht. Der Finger in Steve McQueens Film scheint ebenfalls geduldig nach einem haptischen Beweis für die Realität und Funktionstüchtigkeit des menschlichen Auges zu suchen.

Fäkalien und Urin
Und der Belastungstest geht weiter: Während etwa im Spielfilm ‹Hunger› von 2008 - der im Begleitprogramm der Schaulager-Ausstellung regelmässig gezeigt wird - das Auge mit bekannteren, herkömmlicheren filmischen Mitteln auf die Probe gestellt wird, ist die Provokation bei den frühen ‹Five Easy Pieces›, 1995, noch spektakulärer. In ‹Hunger› entleeren in einem Gefängnis in der Nähe von Belfast inhaftierte und hungerstreikende IRA-Aktivisten ihre Fäkalienkübel als Protest auf einen Gefängnisflur. In ‹Five Easy Pieces› uriniert und spuckt der Künstler direkt auf die Betrachtenden. Während wir bei der fiesen Augenbehandlung in ‹Charlotte› nur mitleiden, sind wir hier noch viel direkter Ziel einer respektlosen Geste.
Bei der ebenfalls frühen Dreikanalvideoprojektion ‹Drumroll›, 1998, wiederum, wird die Reaktionsfähigkeit des Auges unter Beweis gestellt. Für diese Arbeit hat McQueen Kameras in einer Öltonne installiert und diese dann durch New York gerollt. Wie bei einer Zugfahrt muss sich das Auge immer wieder neu kalibrieren, um in dieser visuellen Waschmaschine überhaupt irgendetwas zu erkennen. Eine ähnliche Herausforderung ist die installative Arbeit ‹Pursuit›, 2005. In einem komplett abgedunkelten und mit Spiegeln ausgekleideten Raum sieht man hier - oder man sieht es eben auch nicht - eine Projektion auf eine doppelseitige Leinwand. Die sich permanent verändernden Konstellationen von leuchtenden Punkten sind dadurch entstanden, dass McQueen in einem Park in Amsterdam mit einer Jacke mit Lämpchen dran herumgelaufen ist. Diese an sich sehr simple Idee vervielfältigt sich nun im Spiegelraum exponentiell zu einem vielteiligen und visuell irritierenden Werk.
Augapfelmassage, visuelle Waschmaschine, Spiegelkabinett - ist die bisher grösste Zusammenstellung von McQueens Werken am Ende nur Fitness fürs Auge? Und das Dreifachticket das Äquivalent eines optischen Fitnessabos? Natürlich ist es ein visueller Parforce-Ritt, wenn über zwanzig, meist filmische Arbeiten versammelt sind. Dass es trotzdem keine weltabgewandten Trockenübungen bleiben, dafür sorgt einerseits die Sekundierung durch direkter politisch gefärbte Arbeiten, wie die (noch immer unrealisierte) Briefmarkenserie mit Gefallenen des Irak-Kriegs oder ‹Western Deep›, ein fast halbstündiger Super-8-Film, den McQueen in der tiefsten Goldmine Südafrikas aufgenommen hat. Hier unterwirft er die Gegenwart einem Test und untersucht die Frage, welche «Heldenbilder» briefmarken- und damit öffentlichkeitstauglich sind, bzw. wie der Grubenalltag aussieht. Dass dem Auge in der Fülle das Sehen vergeht, das verhindert andererseits die Tatsache, dass man beinahe durchgängig im ruhigen Dunkel einer gross dimensionierten Black Box tappt. Fast wünschte man sich, das gesamte Haus wäre zur Black Box geworden, zumal die hell beleuchteten Arbeiten in der grossen Halle - die Fotoserie ‹Barrage› von 1998 mit Stoffbündeln, die das Wasser kanalisieren - weder das Auge noch sonst allzu viel testen.

Welt sticht in Auge
Überzeugender sind die Arbeiten, in denen der Künstler selbst unerschrocken dem Schrecken entgegenblickt. Bei der slapstickartigen Versuchsanordnung ‹Deadpan›, 1997, blinzelt der Künstler kaum, obwohl die ganze Wand eines Hauses auf ihn herunterkracht und er nur durch eine Fensteröffnung vor der Zerquetschung verschont bleibt. Und McQueen drückt nicht nur an anderer Leute Augen herum - ob symbolisch oder buchstäblich -, sondern lässt auch auf seine eigenen Augen einiges einwirken: Am eindrucksvollsten illustriert ist das vielleicht bei der Arbeit ‹Illuminer› von 2001. Hier sieht man den Künstler auf einem Bett liegend. Beleuchtet wird er nur durch einen laufenden Fernseher, auf dem - so liest man im sehr hilfreichen Begleitheft - gerade eine Sendung über amerikanische Soldaten in Afghanistan ausgestrahlt wird. Während der Künstler im Film ‹Charlotte› testet, was das weibliche Auge aushält, können wir hier schauen, was das Auge des Künstlers so erträgt. Bezeichnenderweise ist das Licht der Nachrichten nicht erhellend genug, damit man die Wirkung der Bilder auf den Künstler erkennen könnte.
Vielleicht ist ‹Illuminer› (Erleuchter) gar so etwas wie ein Spickzettel, mit dem man McQueens Augentests besser bestehen kann: Eine visuelle Waschmaschine ist unsere bildgewaltige Welt ja schon länger. Ein Spiegelkabinett mit ohrenbetäubendem Lärm ebenso, zumal wir uns auch immer wieder selbst zeigen, etwa im Internet, und über Umwege gespiegelt sehen. Auch im richtigen Leben kann es uns heute passieren, dass wir quasi bepinkelt werden - Stichwort ‹Shitstorm›. Und schliesslich drücken gerade die permanenten Neuigkeiten aus aller Welt immer auf unser Auge - bis sie irgendwann mit einer besonders bedrückenden Nachricht direkt hineinstechen.

Daniel Morgenthaler, freischaff. Autor und wiss. Mitarbeiter Helmhaus Zürich, dani_moergi@hotmail.com


Bis: 01.09.2013


Steve McQueen (*1969, London) lebt in Amsterdam und London
1989-1990 Chelsea College of Art and Design, London
1990-1993 Goldsmiths College, London
1999 Turner Prize

Einzelausstellungen
2012 The Art Institute of Chicago
2010 National Portrait Gallery, London
2009 Britischer Pavillon, Biennale di Venezia
2001 Kunsthalle Wien
1999 Kunsthalle Zürich

Gruppenausstellungen
2012 ‹Beyond Imagination›, Stedelijk Museum, Amsterdam
2011 ‹Big Picture›, K21 Ständehaus, Düsseldorf
2008 7. Gwangju Biennale
2002 documenta 11, Kassel
1997 documenta X, Kassel



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 6  2013
Ausstellungen Steve McQueen [16.03.13-01.09.13]
Video Video
Institutionen Schaulager [Basel/Münchenstein/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Steve McQueen
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=130522100844AJJ-2
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.