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Fokus
6.2013


 Dexter Dalwood zeigt in seinen grossformatigen Bildern eine zeitgenössische Variante der Historienmalerei. Dalwood, der 2010 für den Turner Prize nominiert war, stellt Zeitgeschichte nie abbildend, sondern indirekt dar. Imaginäre Innen- und Aussenräume verweisen mit vielen visuellen Details auf bekannte Persönlichkeiten und Geschehnisse. Zitate aus Kunst, Mode, Werbung verbindet Dalwood zu Assoziationsgeflechten, die einen ganzen Zeitgeist einfangen. Das Centre Pasquart in Biel präsentiert Dalwood erstmals in einer institutionellen Einzelschau in der Schweiz.


Dexter Dalwood - Imaginierte Zeitgeschichte


von: Alice Henkes

  
links: Hendrix's Last Basement, 2001, Ölfarbe auf Leinwand, 203x183 cm, Zabludowicz Collection
rechts: Brighton Bomb, 2006, Ölfarbe auf Leinwand, 200x160 cm, Private Collection


«Ich teile mit, dass ich eines schönen Vormittags, ich weiss nicht mehr genau um wie viel Uhr, da mich die Lust, einen Spaziergang zu machen, ankam, den Hut auf den Kopf setzte, das Schreib- oder Geisterzimmer verliess, die Treppe hinunterlief, um auf die Strasse zu eilen.» So hebt Robert Walsers berühmte, 1916 entstandene Erzählung ‹Der Spaziergang› an. Und wenig später jubelt der Dichter: «Die morgendliche Welt, die sich vor meinen Augen ausbreitete, erschien mir so schön, als sähe ich sie zum ersten Mal.» Auch in der Landschaft, die Dexter Dalwood unter dem Titel ‹Robert Walser›, 2012, anbietet, lässt sich viel Schönes entdecken. Am oberen Bildrand ist eine Berglandschaft aus John Bunyans ‹Pilgrim's Progress› von 1678 zu sehen. Den Grossteil der Leinwand bedeckt eine dörfliche Szene. Ein heller Weg, der am unteren Bildrand beginnt, führt zu einem Häuflein dicht aneinander gedrängter Häuser. Ein Hauch von südlicher Wärme und sommerlicher Frische scheint über dem Bild zu liegen, das deutlich an Cézanne erinnert, allerdings weniger an ein bestimmtes seiner Bilder als an den leichten, offenen Pinselduktus des südfranzösischen Modernen. Nur ein wichtiges Kompositionsteilchen fehlt: die Farbe.
Denkt man bei der Kombination aus Landschaft und Robert Walser an dichterische Spaziergänge, so bezieht sich Dalwood auch auf Walsers ‹Cézannegedanken›, einen Essay, der 1929 veröffentlicht wurde. Möglicherweise hat Walser die grosse Cézanne-Ausstellung besucht, die der Galerist Paul Cassirer im Winter 1909 in Berlin veranstaltet hat, und wurde so zu seiner dichterischen Auseinandersetzung mit dem Maler angeregt. Doch was, wenn Walser sein Bildgedächtnis auffrischen wollte? Dann standen ihm Reproduktionen in Büchern zur Verfügung. Reproduktionen, die in den Zwanzigerjahren nur in Schwarz-Weiss möglich waren. Dalwood hat all diese Details durchdacht und in seinem eigens für die Bieler Ausstellung entstandenen Bild zu einer tiefgründigen Reflexion über Kunst und Dichtung, ideale Landschaften und geistige Spaziergänge und das Verhältnis von Bild und Abbild verbunden.

Assoziative Bildräume
Dalwood schätzt es, sich Orte zu erschliessen, indem er sich malend und denkend in sie vertieft. Mit ‹Robert Walser› bietet der britische Künstler einen attraktiven Schlüssel zu seiner Arbeit, die Felicity Lunn, Direktorin des Centre Pasquart und Kuratorin der Ausstellung, als eine Art «zeitgenössischer Historienmalerei» beschreibt: «Sein Malstil und seine Themen sind in der zeitgenössischen Kunst einmalig. Es gibt sehr wenige Künstler/innen, die Historienmalerei betreiben, die Verknüpfungen zwischen unterschiedlichen Epochen, aber auch zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart erfolgreich herstellen. In fast jedem Bild haben die verschiedenen Verweise und Zitate gemeinsam, dass sie aus der gleichen Epoche stammen.»
Dalwood beschäftigt sich mit historischen Persönlichkeiten und Ereignissen und reflektiert politische Themen in einer für die gegenwärtige Kunst ungewöhnlich tiefgehenden Weise. Seine Themen setzt er dabei nicht abbildend, sondern imaginierend um. Er nutzt eine Art Collageverfahren: Er zitiert aus Kunst, Popkultur, Mode und baut so assoziative Bildräume auf, die eine Art Zeitgeist-Porträt bilden. Im Bild ‹Brighton Bomb›, 2006, das auf den Anschlag der IRA 1984 auf Margaret Thatcher verweist, kombiniert er einen Blick auf die See und den Pier mit schroffen Farbflächen, die sowohl auf den Mitte der Achtzigerjahre stark rezipierten Künstler Jean-Michel Basquiat wie auch auf die bevorzugten Modefarben jener Zeit verweisen. In ‹Hendrix's Last Basement›, 2001, einer fiktiven Darstellung des Hotelzimmers, in dem Jimi Hendrix 1970 starb, erinnert der Boden, der zum Bildrand hin auszulaufen scheint, an um 1960 entstandene Bilder des amerikanischen Farbfeldmalers Morris Louis; die Bettdecke, die Tapeten, das Poster an der Wand wiederum an die Lust an psychedelischen Bildern und an die auffälligen Muster der Mode der Siebzigerjahre.

Enttäuschende Realität
Sehr gebildet und belesen, verbindet Dalwood Figuren und Motive aus Kultur, Politik, Prominenz und Wirtschaft zu komplexen Motivgeweben. Felicity Lunn schätzt an ihm auch, dass sich in seiner Arbeit ein intellektueller Hintergrund mit einer spürbaren Lust am Malen und einer durch die Pop Art beeinflussten Palette verbinden, das wirke «zugleich intellektuell und lustvoll, es regt zum Denken an und ist dabei auch unterhaltsam», sagt sie.
Für Dalwood selbst steht das Malen im Zentrum seines Schaffens. «Was mich am meisten interessiert ist, wie ich ein Bild malen kann, das uns etwas über unsere Welt sagen kann.» Wobei das, was der Künstler in seinen Bildern mitzuteilen wünscht, auch den unsichtbaren Teil der Welt umfasst. Jenes Bild, das man sich im Innern von einem Vorgang macht. Die wie Mosaiken aus unterschiedlichen Motiven und Motivteilen zusammengestellten Arbeiten Dalwoods stellen nicht nur komplexe Reflexionen einer Zeit dar, sie beschäftigen sich auch mit der Frage, wie durch äussere Reize innere Bilder entstehen, die manchmal bedeutsamer sind als reale Abbilder.
Das älteste Bild der Ausstellung zeigt ‹Montaigne's Room›, 1997. Dieses Bild markiert den Beginn von Dalwoods Auseinandersetzung mit Räumen, die durch besondere Ereignisse, besondere Bewohner/innen eine über den Augenblick hinausweisende Bedeutung erlangt haben. In ‹Montaigne's Room› allerdings scheint nichts von Bedeutung zu sprechen. Es ist ein auffallend blasses, kaltes und fahles Bild. Ein Bild, das von Ernüchterung spricht, von jener Enttäuschung, die Dexter Dalwood empfand, als er auf einer Reise durchs Périgord das Schloss besuchte, in dem Michel de Montaigne seine berühmten Essays verfasste.
Vermutlich hatte er so etwas wie ein poetisch überhöhtes «Schreib- und Geisterzimmer» erwartet, das Walser im oben genannten Zitat beschreibt. Doch alles was sich ihm bot, war ein ganz normales Zimmer. «Die Realität war enttäuschend im Vergleich mit der Imagination», erzählt Dalwood, und er vergleicht sein Erlebnis mit dem eines Kinogängers, der die Verfilmung eines geliebten Romans sieht und auf der Leinwand nichts von dem wiederfindet, was ihn beim Lesen beglückte. Seither richtet er aus Zeitzitaten imaginäre Räume ein, wie das Hotelzimmer, in dem Jimi Hendrix starb, Jackie Onassis' Gemach auf der Yacht Christina oder das Waldstück am Kleinen Wannsee bei Berlin, in dem Heinrich von Kleist sein Leben beendete. Bilder, die gar nicht den Anspruch erheben, dokumentarischer Natur zu sein und dabei eine Fülle von Gedanken, Ideen und Anregungen transportieren.
Alice Henkes (*1967, Hannover) lebt als freie Kunstkritikerin und Kuratorin in Biel, alice.henkes@bluewin.ch

Bis: 29.06.2013



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Ausgabe 6  2013
Ausstellungen Dexter Dalwood, Anja Kirschner, David Panos [21.04.13-16.06.13]
Ausstellungen Disaster/The End of Days (Paris Pantin) [03.03.13-29.06.13]
Institutionen Kunsthaus Centre d'art Pasquart [Biel/Bienne/Schweiz]
Institutionen Thaddaeus Ropac [Paris/Frankreich]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Dexter Dalwood
Künstler/in Anja Kirschner
Künstler/in David Panos
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