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Fokus
6.2013


 Vielleicht hört der Vogel gerade eine Aufnahme von Olivier Messiaëns ‹Catalogue d'oiseaux›. Technisch ist das möglich, denn Schallplatten können mit jedem spitzen Gegenstand abgetastet werden. Die Idee dazu könnte von Nam June Paik stammen, der auch einmal Musik durch den Mund hören wollte.


Ansichten - Klingende Vermutungen


von: Peter Kraut

  
Jeroen Diepenmaat · Pour des dents d'un blanc éclatant et saines, 2005


Aber selbst wenn dem so wäre, und der Vogel das Klavierstück hören könnte (das seinerseits auf Vogelstimmen beruht): Was würde er wohl dabei empfinden? Würde er sein eigenes Echo erkennen, das einer der wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts als Ode an die Vögel geschaffen hat? Oder kämen dem Vogel die Töne so armselig vor wie der extraterrestrischen Superintelligenz die mit menschlichen Nachrichten versehene goldene Platte, die sie eines Tages im Voyager-Satelliten entdecken wird? Es ist ja nicht einfach, über Sprachgrenzen hinweg zu kommunizieren, aber genau diese Qualität wird der Kunst, und mehr noch der Musik zugeschrieben: dass sie direkten Zugang zu den Emotionen schaffe, ohne Umweg über eine verbrauchte sprachliche Semantik oder belastete Bildwelten. Das hat schon Kandinsky an Schönberg geschrieben und ihn deswegen beneidet. Schönberg könne in einem kurzen Musikstück differenzierteste Gefühlslagen ausdrücken, während er, Kandinsky, sich an der Leinwand mit simplen Farben und Formen abmühen müsse. Aber vielleicht ist das am hier vorliegenden Bild vorbeiinterpretiert, einem Bild, das sofort in meinem imaginären Ohr zu klingen beginnt: nicht laut und schrill, eher sanft und in hohen Lagen.
Der holländische Künstler Jeroen Diepenmaat (*1978) schafft leicht und präzise Verbindungen von Medientheorie zu Ornithologie, von Musik zu Skulptur und von der vergänglichen Welt zur bindenden Fotografie des Augenblicks. Das setzt viele Assoziationen frei, vorab solche zum Sehen und Hören. Das Sehen drängt uns laufend Entscheidungen auf, es strukturiert und hierarchisiert unsere Welt, setzt uns zu ihr in Distanz, während wir mit dem Hören auf intime Weise in sie eintreten, kommunizieren und uns dadurch stärker als soziale Wesen definieren. Diepenmaat spielt liebevoll und doch kritisch mit diesen Gegensätzen. In seinem Werk füllt und kombiniert er oft visuelle und akustische Leerstellen mit alltäglichen Dingen, die dadurch ungeahnte Bedeutungen und Vermutungen freisetzen. Also interessiert mich die Frage, was auf dieser Schallplatte gespeichert ist.
Der Künstler sagt es uns nicht, und der Titel der Arbeit, einer Werbung für Zahnpasta entnommen, sorgt für Verunsicherung: ‹Pour des dents d'un blanc éclatant et saines›. Schnabelzähne, Vogelsprache, Plattenspieler - oder vielleicht eher Schnabelplatten, Spielervogel, Zahnsprache? Vieles ist möglich. Und Messiaën hätte wahrscheinlich Freude gehabt an dieser Skulptur. Aber auch das ist nur eine Vermutung.
Peter Kraut ist Dozent an der Hochschule der Künste Bern und war Ko-Kurator der Ausstellung ‹A House full of Music› in Darmstadt im Sommer 2012. 7/8 2012 peter.kraut@hkb.bfh.ch



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Ausgabe 6  2013
Ausstellungen A House Full of Music [13.05.12-09.09.12]
Institutionen Institut Mathildenhöhe [Darmstadt/Deutschland]
Autor/in Peter Kraut
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