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Besprechung
6.2013


Aoife Rosenmeyer :  In der Ausstellung von Patricia Esquivias wird Spaniens Geschichte aus einem persönlichen Blickwinkel betrachtet. Ihre Filme sind weit weg von der Hochglanz-Ästhetik heutiger professioneller Künstler. Mit ihren alternativen Mitteln schafft sie es, uns auf eine überraschungsreiche Reise mitzunehmen.


Winterthur : Patricia Esquivias - Deep Tall Tales


  
links: Patricia Esquivias · 111-119 Generalisimo/Castellana, 2012, Produktionsstill
rechts: Patricia Esquivias · Prototypes of reproductions of accidental tile designs, thought for Madrid's Metro museum gift shop, 2013, Mosaik, 22x35 cm


«Knock-knock - Do you remember when your building was looking more like this? In ihrem Video ‹111-119 Generalisimo Castellana›, 2013, untersucht Patricia Esquivias (*1979, Caracas) die im Titel erwähnte Überbauung. Seit sie in ihren früheren Filmen mit der Kamera über dichte, handgeschriebene Notizen auf einem grossen Blatt Papier fuhr und ab und zu mit einem Seitenschwenk auf ein Bild fokussierte, hat sie ihre Methodik weiterentwickelt. Dennoch sind die Arbeiten intim und lowtech geblieben. Statt des Schreibtisches macht sie nun einen Laptop zur Bühne, auf dem Videos abgespielt, an den Bilder gelehnt oder vor dem Objekte gemustert werden, während ihre Stimme aus dem Off ertönt. In den Erzählungen kombiniert sie nationale Geschichte - die Diktatur von Franco war von grosser Bedeutung -, Familien-Anekdoten, persönliche Erfahrungen und umkreist Themen wie die gesellschaftstragende Kraft von Design, das offizielle Kulturerbe und die Subversion davon, die Suche nach der Moderne oder sogar die Rolle der Paella als Kulturträger und Geschäftsmodell - so getest von ihrem nach Peru ausgewanderten Vater. In ‹The future was when?›, 2009, überblendet sie in ihrer Kindheit gesehene Filme mit der Geschichte einer Künstlerin/Aktivistin namens Susan Brown, die zuerst heimlich Mosaike in der New Yorker Subway restaurierte und daraus später ein dekoratives Verkaufsprodukt entwickelte. Dabei verflicht Esquivias die Fäden eines nicht weit von Browns Haus gedrehten Fictionfilms mit Aufnahmen von Modernisierungsarbeiten in der New Yorker Subway bzw. der Abdeckung alter Kacheln mit Alublech in der Madrider Untergrundbahn.
Den Filmen sind kaum Nachbearbeitungen anzumerken. Gerade das macht die wenigen über den Bildschirm laufenden Aussagen besonders wirksam, welche die Worte der Künstlerin bestätigen oder negieren. Aus der Nähe betrachtet, zeigen sich seltsame Reibungsflächen: Läuft der Junge in ‹Folklore IV›, 2009, wirklich rückwärts oder wird der Film zurückgespult? Kann es sein, dass die Erzählungen nicht ganz war sind? In ihrer entwaffnenden Direktheit gewinnt Esquivias unser Vertrauen und schmückt dann ihre Geschichten aus, erfindet sie vielleicht sogar. Sie passt diesbezüglich bestens in die Reihe der von Oliver Kielmayer gezeigten, unsere Gutgläubigkeit testenden Künstler/innen. Esquivias macht es mit so bescheidenen Mitteln, dass wir ihrer Geschichte gerne bis zur Absurdität folgen, um herauszufinden, wie weit sie ihre «tall tales», ihre machtvollen Fiktionen treiben kann.

Bis: 23.06.2013



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Ausgabe 6  2013
Ausstellungen Patricia Esquivias [05.05.13-23.06.13]
Institutionen Kunsthalle Winterthur [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Aoife Rosenmeyer
Künstler/in Patricia Esquivias
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