Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Hinweis
6.2013




Dortmund : His Master's Voice


von: Katja Behrens

  
links: Daniel Hofer · Manuel, aus der Serie Sunday Morning, 2009, Fotografie
rechts: International Institute of Political Murder, Hate Radio (die Radiomoderatorin), Bühnenbild der Performance, 2011-2012


Die drei Moderatoren in der Glasbox scherzen lautstark, legen Musik auf, plaudern mit Anrufern und heizen die Stimmung über den Äther an. Wüsste man nicht, um was es hier geht, man könnte die locker-coole Atmosphäre für normal halten. Der Schweizer Regisseur Milo Rau, Theatermacher vom ‹International Institute of Political Murder›, hat die Radiosendung des ruandischen Popsenders Radio Télévision des Milles Collines (RTLM) zur Grundlage einer Theaterinstallation gemacht: ‹Hate Radio›. Während des Völkermords in Ruanda 1994 wurden die Hörer übers Radio mit grausamen Hassbotschaften aufgehetzt und zur Denunziation oder direkt zum Mord angestachelt. Das Reenactment wird nun von Schauspielern im Nachbau des Radiostudios aufgeführt - und ist selbst in seiner gefilmten Dokumentation ein ergreifendes Zeugnis der suggestiven und zerstörerischen Macht, die Sprache haben kann.
Die Ausstellung ‹His Master's Voice - Von Stimme & Sprache› versammelt Bild- und Ton-Installationen von 28 internationalen KünstlerInnen, denen es darum geht, die «Performativität von Stimme und Sprache» zu untersuchen, «die Uneigentlichkeit und Unheimlichkeit des Sprechens».
Unter den Künstlern finden sich beispielsweise Anri Sala, auf der Suche nach der Stimme seiner Mutter (bzw. einer verlorenen Tonspur) oder Ignas Krunglevicius, der die manipulative Taktik eines Polizeiverhörs in eine beklemmende Schrift- und Ton-Installation übersetzt. Die politische Dimension von Worten, ihr gefährliches oder banales, aber auch ihr witziges Potential entfaltet sich in den vielen wunderbaren Werken der Schau auf mitunter überraschende Weise. Es gibt Schnellsprecher und Bauchredner, Sprachlehrer und Taubstummen-Orchester, Fotos, experimentelle Bild- und Ton-Collagen aus den Sechziger- und Siebzigerjahren, Kopfhörer, Tonduschen, Schaukästen, Gebärdensprache. Einmal kann man selber eine Vinylplatte auflegen und verbotene Worte hören (Asli Cavusoglu, 191/205) oder muss in einem kleinen Radio den richtigen Sender suchen. In der Arbeit von Young-Hae Chang Heavy Industries (YHCHI), einem Webprojekt, geht es in Form politischer Propagandaparolen um das besonders befriedigende Sexleben der nordkoreanischen Frauen als einer Errungenschaft des Sozialismus: ‹Cunnilingus in North Korea›.
Am stärksten bleibt aber wohl die Wiederaufführung des ‹Hate Radio› in Erinnerung, das Erschrecken über die Banalität des Bösen und die Frage, ob man selbst wohl immer sicher ist vor der verführerischen Macht der Sprache.

Bis: 07.07.2013



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 6  2013
Ausstellungen His Master's Voice: Von Stimme und Sprache [23.03.13-07.07.13]
Institutionen Hartware MedienKunstVerein (HMKV) [Dortmund/Deutschland]
Autor/in Katja Behrens
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=1305221141101TZ-16
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.