Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Artists in Residence
6.2013


 Das internationale Austausch- und Atelierprogramm Region Basel (iaab) bietet derzeit dem finnischen Gastkünstler Kasper Muttonen (*1979, Lappeenranta) die Möglichkeit, nach drei Monaten Atelieraufenthalt in Basel drei weitere in Freiburg/B zu verbringen. Im Mai waren seine spannenden architekturalen Skulpturen in der Gruppenausstellung ‹Solo show› im Basler iaab-Projektraum Basement zu sehen, im Juni richtet Muttonen im Freiburger T66 kulturwerk eine Einzelausstellung ein.


Kasper Muttonen - Ein Gastatelier ist ein wenig wie ein utopischer Ort


  
Kasper Muttonen vor dem iaab-Projektraum in Basel, 2013. Foto: Cat Tuong Nguyen


Ziegler: Wieso hast du dich für Basel beworben?

Muttonen: Ich war 1999 mit der Kunstschule in Basel. Wir machten eine Giacometti-Reise, besuchten St. Moritz, Zürich und Basel. Es war Frühling und es war wundervoll.

Ziegler:
Du warst 2008 drei Monate als Gastkünstler in Paris. Wie erlebst du Basel und Freiburg im Vergleich?

Muttonen: Die Cité des Arts ist ein grosses Atelierhaus. Da hast du keinen persönlichen Service und musst Miete bezahlen. Hier bekomme ich hingegen neben der kostenlosen Unterkunft sogar monatlich Geld. Da man nie genug Werkzeug und Material von zu Hause mitbringt, muss man sich alles besorgen. Das kostet viel Energie. In Basel und Freiburg erhält man hierbei sehr viel Unterstützung. Sie wissen, wo man was erhält, auch Aussergewöhnliches, und fahren einen mit dem Auto hin. Vor mir benötigte beispielsweise ein Künstler eine Armbrust. Ausserdem wurden die beiden Ausstellungsmöglichkeiten für mich organisiert.

Ziegler: Wie war die Zusammenarbeit mit den Künstlern der ‹Solo Show›?

Muttonen: Es war spannend, sofort mit Künstlern und Kunststudierenden vor Ort in Kontakt zu kommen. Das Konzept war, dass jeder seinen Beitrag entwickelt, als würde er allein ausstellen. Beim Aufbau verursachte das natürlich Konflikte, man musste sich arrangieren, trennende Plastikplanen einsetzen. Ich habe erstmals eine Arbeit in der Luft platziert und einen speziellen Sockel gebaut.

Ziegler: Wie sind denn deine Arbeitsbedingungen im Vergleich zu Helsinki?

Muttonen: In Finnland musste ich 16 Kilometer fahren, um zu meinem Atelier zu kommen. Ich nahm in der Regel das Fahrrad, musste auf das Wetter achten. Hier kann ich mich viel mehr auf meine Arbeit fokussieren. Ein Gastatelieraufenthalt ist ein wenig wie ein utopischer Ort. Man wird nicht von der eigenen Kultur und Sprache gestört. Das ist sehr gut, denn die eigene Sprache kann wie Lärm wirken, weil man überall alles versteht: Gespräche von Leuten, Informationen aus den Medien, Fernseher...

Ziegler: Was magst du hier besonders?

Muttonen: In Helsinki haben wir wenig alte Bausubstanz, denn viele der alten Holzhäuser wurden in den Fünfzigern und Sechzigern durch moderne funktionale Gebäude ersetzt. In Basel spürt man die lange Geschichte. Das geniesse ich sehr. Ich gehe einfach los und schaue mir verschiedene Orte an, ohne etwas über sie zu wissen. Es reicht mir, sie zu sehen und zu fühlen, sie mehrmals intensiv zu betrachten. Ausserdem finde ich die Basler zeitgenössische Architektur sehr spannend. Mein Lieblingsgebäude ist das Zentralstellwerk der SBB von Herzog & De Meuron. Es ist wie eine Skulptur, keine Spektakel- oder Wow-Architektur, wie sie zunehmend entsteht, sondern intellektuell.

Ziegler: Ist in Finnland das Licht anders?

Muttonen: Ja, es ist kontrastreicher und strahlender. In Basel war ich erstaunt, dass es nachts so dunkel ist, man die Sterne sehen kann. Über Helsinki ist die Sphäre rötlich. Wir haben zu viel künstliches Licht, Lichtverschmutzung. Mit seinen niedrigen Häusern wirkt Basel in der Nacht sehr mittelalterlich. Und der Morgestraich war super. Als alles total dunkel wurde, konnte ich mitten in der Innenstadt den Orion am Ende der Strasse sehen. Er steht höher als in Finnland, auch der Winkel zum Mond ist anders. Man merkt, dass man an einer anderen Position auf dem Planeten steht.

Ziegler: Beeinflusst der Ortswechsel die Arbeit?

Muttonen: Am Anfang war es irgendwie verwirrend. In Finnland kannten alle Leute meine Arbeit, hier musste ich viel darüber sprechen, mich öffnen. Ich denke, es ist gut, mit den eigenen Gewohnheiten zu brechen, neue Ideen zuzulassen. So begann ich kleinere Arbeiten zu machen, das war praktikabler. Ausserdem verwende ich neue Materialien: schwarzes Eisenpulver, graues und rostiges Stahlpulver. Ich benutze es als Pigment, mische es mit Tinte, Öl oder Lack und trage es mit dem Pinsel auf. Dann wirkt es wie eine Stahlplatte. Ich mag diese Illusion, zumal es gleichzeitig echtes Material ist. Schwarzes Eisen ist die erste schwarze Farbe, die ich benutze. Davor habe ich selten Schwarz eingesetzt. Schwarz ist gefühlsmässig schwierig. Ich mag Farben sehr und benutze gerne Material. Zuvor habe ich vor allem mit meinem Lieblingsmaterial, Beton, gearbeitet. Ausserdem habe ich in Freiburg gelochte Aluleisten entdeckt. Wenn man sie der Länge nach dreht und mehrere nebeneinander befestigt, gibt es eine spannende Struktur. In der Basler Ausstellung habe ich auch Aluminium benutzt, die Löcher jedoch selbst gebohrt.

Ziegler: Was wirst du im T66 kulturwerk zeigen?

Muttonen: Ich werde wahrscheinlich die fünf Arbeiten aus dem Basement zeigen und ein bis zwei neue Arbeiten mit gedrehten Aluleisten. Ich habe schon kleine Konstruktionsmodelle gemacht. Mal sehen, was wird.

Ziegler: Oft haben deine Arbeiten eine innere und eine äussere Struktur.

Muttonen: Ja, diese Arbeit hier braucht im Inneren eine klare Form, um sich fokussieren zu können. Momentan ist sie aus Holz, sie muss noch weiss oder farbig werden, um klarer zu werden. Das mache ich später. Ich möchte Farbe einsetzen, damit es luftig wird, so als sei es eine Landschaft im Inneren eines städtischen Gebiets. Als ob Blätter von Bäumen Licht und Schatten werfen. Ich mag Natur, aber meine Arbeiten sind eher artifiziell, sind Kulturräume. Ich transferiere natürlichen Raum in architekturale Abstraktion.

Bis: 30.06.2013


Mittsommernachtsfest am 21.6. ab 22 Uhr mit DJ Phlanderz im Rahmen der ersten Biennale für Fotografie am Oberrhein

Dieser Beitrag erscheint mit Unterstützung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, Schwerpunkt Schweizer Übersetzungsförderung ‹Moving Words›.
English Version



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 6  2013
Institutionen Kulturwerk T66 [Freiburg/B/Deutschland]
Autor/in Yvonne Ziegler
Künstler/in Kasper Muttonen
Link http://www.iaab.ch
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=1305241327450DK-25
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.