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Kunstgeschichten
6.2013




Von Baum- und Beinvisionen


  
Eva Dietrich


Zürich — Auf der Maturareise vor 25 Jahren besuchten wir die Bacci-Kapelle in Arezzo. Dort erzählen die Fresken Piero della Francescas die ‹Legende vom wahren Kreuz›. Die Transparenz der hellen Farben auf dem weissen Kalkgrund überwältigte mich damals. Sie machte aus dem Zyklus, in welchem mit dem Traum von Kaiser Konstantin und der Verkündigung Marias zwei Visionen vorkommen, eine einzige Vision - und irgendwann hatte ich selbst eine.
Doch erzählen wir der Reihe nach. Die Legende beginnt damit, dass Adams Sohn Seth ins Paradies eilt, um dort einen Zweig vom Baum der Erkenntnis für seinen sterbenden Vater zu holen. Bei seiner Rückkehr ist der Vater jedoch bereits tot, so dass er den ihm an der Paradiespforte vom Erzengel Michael überreichten Zweig auf das Grab des Vaters pflanzt. Der Baum gedeiht prächtig, wird geschlagen, bewirkt Wunder – bis Christus an seinen Planken das Martyrium erleidet. Jahrhunderte später träumt Kaiser Konstantin, dass er im Zeichen des Kreuzes siegen wird. Er tritt zum Christentum über und schickt seine Mutter Helena auf die Suche nach dem wahren Kreuz, das sie in Jerusalem findet. Die Legende, die mit einem Baum beginnt und mit einem Baum endet, macht aus dem Christentum eine Baumreligion, in der das Drama der Ursünde und Sterblichkeit wie das Versprechen auf Heilung und Unsterblichkeit am selben Baum hängen.
Vielleicht blendeten mich ja die hellen Farben, auf jeden Fall sah ich bald nur noch Bäume. Selbst in Szenen, wo keine vorkamen. So bereits in Arezzo. Maria war im Freskenzyklus als zentrale Figur schon gross dargestellt. Sie wirkte noch grösser, weil ihre Arme bei der Verkündigung den blauen Mantel zeltartig öffneten, so als würde sich dieser angesichts der bevorstehenden Schwangerschaft bereits blähen. Gleichzeitig zeichnete sich ihr Oberschenkel beim Schritt nach vorne unter dem Gewand deutlich ab und der Stoff ihres Kleides wand sich um Fuss und Wade wie der knorrige Stamm eines Olivenbaums. Es war dieses Bein, das Maria zur Riesin machte, und je länger ich auf das Bein starrte, desto mehr wuchs es an zum Stamm des Baums der Erkenntnis, der mit dem leicht gerundeten Leib Marias die Frucht trug, welche die Paradiespforte wieder öffnen sollte. Dass ich in den sich windenden Gewandfalten Schlangen gesehen habe, ist zwar gelogen, doch gefällt mir die Vorstellung zu sehr, um sie unerwähnt zu lassen. Aber selbst in nüchternem Zustand scheint mir noch immer, als verkündeten der sich aufblähende Mantel mit dem darunter erscheinenden Körper den Moment der Verwandlung Marias zur «Magna Mater». Und ich studierte nicht zuletzt deswegen Kunst, weil ich so die Welt immer wieder neu sehen kann.


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Ausgabe 6  2013
Autor/in Eva Dietrich
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