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Fokus
7/8.2013


 Massimiliano Gionis Konzept der Enzyklopädie scheint für eine Übersichtsausstellung geradezu genial: Es beinhaltet einerseits den repräsentativen Massstab, lässt andererseits eine Vielzahl möglicher Formfindungen zu und erhebt gleichzeitig den verhältnismässig bescheidenen Anspruch, lediglich eine vorläufige Bestandsaufnahme zu sein.


Biennale Venedig / Encyclopedic Palace - Mangel­ durch Übersättigung


von: Oliver Kielmayer

  
links: Marino Auriti · Encyclopedic Palace of the World, ca. 1950, Ausstellungsansicht Arsenale. Foto: W. Egli
rechts: Ragnar Kjartansson · S.S. Hangover, 2013, Isländisches Fischerboot mit Blasmusik. Foto: W. Egli


Erfreulich an Gionis rotem Faden und Ordnungsprinzip ist die Tatsache, dass man beides sofort im Logo zur Ausstellung erkennt: Es zeigt einen schematisierten menschlichen Kopf, in den Pfeile rein und raus gehen. Über den Gedanken des grundsätzlichen Austauschs hinaus akzentuieren die Pfeile auch die Richtung, für die sich der Kurator mehr interessiert; von den orangenen, vom Hirn wegführenden Pfeilen gibt es insgesamt sieben, von den blauen in umgekehrter Richtung dagegen lediglich fünf, die zudem kleiner sind. Nicht wie in vielen anderen grossen Ausstellungen der letzten Jahre die Realität, sondern der Mensch und das, was seine Wahrnehmungs-, Wissens- und Bildproduktionsmaschine namens Gehirn daraus macht, steht also im Zentrum. Das ist wohltuend angesichts einer langen Vorherrschaft des Dokumentarischen, das allzu häufig das, was wir aus Funk und Fernsehen eh schon wissen, noch einmal in Form von mehr oder weniger gelungenen Kunstwerken aufbereitete.
Sowohl im Arsenale, als auch im italienischen Pavillon in den Giardini bleibt Gionis konzeptuelle Klammer sichtbar. Das funktioniert in den überschaubaren Räumen des Pavillons besser als im Arsenale, das viel von seinem Charme eingebüsst hat: Zum einen rahmt die Ausstellungsarchitektur von Annabelle Selldorf die Exponate mit bisweilen brachialen Gesten, zum anderen verwandeln sich die Räume wegen der fortschreitenden Renovation zu etwas zwischen Museum und Shopping Mall.
Eine Besonderheit im Arsenale ist der von Cindy Sherman kuratierte Raum, der Erinnerungen an Bice Curigers Para-Pavillons von 2011 weckt. Sherman versammelt eine Vielzahl von Fotografien und Objekten, die mehrheitlich nicht für den Kunstkontext produziert wurden. Sie wiederholt hier Gionis Ansatz, der unabhängig von der Etikettierung als Kunst oder Nichtkunst nach dem sucht, was visuell und inhaltlich ein Kunstwerk ausmacht. Sein Konzept- und Titellieferant - das Architekturmodell für den ‹Encyclopedic Palace of the World›, ein universales Museum für alle menschlichen Errungenschaften - war folgerichtig auch nicht das Werk eines Künstlers, sondern des Rahmenbauers Marino Auriti.
Neben vielen Trouvaillen, die von schöpferischen Geistern ausserhalb des kunsthistorischen Kanons stammen, haben in Gionis Palast natürlich auch einige handfeste Kunstwerke Platz gefunden. Besonders erfreulich sind etwa die poetischen und inhaltlich angenehm offen gehaltenen 16-mm-Projektionen von João Maria Gusmão und Pedro Paiva, die trivialen und doch eigenwilligen Fotografien von Martin Schmidt, Aurélien Froments Videoessay über die Kunst des Erinnerns oder Danh Vos Re-Import einer christlichen Kirche aus Vietnam. Im italienischen Pavillon gibt es u.a. Eva Kotátkovás Ansammlung psychotischer Minimalskulpturen zu entdecken, ganz am Ende des Arsenale Ragnar Kjartanssons Fischerboot mit Blasmusikern, die ein hinreissend melancholisches Stück intonieren, und last but not least Hito Steyerls eigenwilliger neuer Film ‹How Not to Be Seen. A Fucking Didactic Educational. Mov File›. Ausgehend von einer USAF-Auflösungstesttafel von1961 sinniert Steyerl auf bekannt hohem Reflexionsniveau über die Unsichtbarkeit in Zeiten zunehmender digitaler Auflösung und schreckt dabei weder vor Trash-Effekten noch Slapstick zurück.

Antithese zu mentalen Innenbildern
Man kann die kurze, für die Ausstellungsrealisierung verfügbare Zeit wahrscheinlich nicht besser nutzen, als Gioni dies getan hat. Doch einmal mehr muss man sich fragen, ob nicht die Aufgabenstellung selbst gänzlich falsch ist. Irgendwann erzeugen all die veräusserten Innenschauen, all die Expressionen verschrobener menschlicher Fantasien ein Gefühl der Sättigung; man sehnt sich nach ein paar blauen Pfeilen oder auch nur der Freiheit, einzelne Positionen ohne die dauernde Betonung aufs authentisch Schöpferische respektive die Nachbarschaft zur Outsider-Kunst wahrzunehmen. Yuri Ancaranis Video ‹Da Vinci›, in dessen Zentrum der brandneue gleichnamige Operationsroboter und eine von ihm ausgeführte Operation steht, ist als choreografierte Hyperrealität nicht nur absolut faszinierend, sondern als Antithese zu den mentalen Innenbildern eine Wohltat. Dasselbe gilt für Erik van Lieshouts Video ‹Healing›, in welchem er in seiner typisch unprätentiösen Art Leute über ihren Zugang zu einem jeweiligen Spezialwissen befragt; hier ist ausserdem die Positionierung lobenswert, befindet sich der grosse LED-Screen doch gleich neben dem Restaurant und lädt zur zeitsparenden Parallelkonsumation von Kunst und Nahrung ein.
Auch die Videos von Ryan Trecartin darf man als Entdeckung bezeichnen. Hier spielen jugendliche Protagonisten mit viel Lust an Improvisation und Exaltiertheit populäre TV-Formate nach, wobei die Verschmelzung von Authentizität und Inszenierung zu einer neuen, hysterischen Realität verstörend und faszinierend zugleich ist. Von der bemühten installativen Rahmung kann man dies leider weniger behaupten.
Die Fülle an deformierten menschlichen Psychen, Figuren und Gesichtern - den absoluten Tiefpunkt bildet Pawel Althammers Figurengruppe - ist nicht nur ermüdend, sondern sie verrät als Negativform auch das Fehlen von minimalistischen, formal strengen und gegenstandslosen Positionen. Die wenigen (gelungenen) Ausnahmen - unter anderem die Installation von Alice Channer, die Zeichnungen von Emma Kunz oder auch Otto Pienes Lichtobjekte - wirken einerseits als grosse Erleichterung, andererseits lassen sie erahnen, wie viel wunderbare Kunstwerke Gionis roter Faden notwendigerweise ausschliesst. Der zunächst geniale Schachzug der Enzyklopädie fällt dann teilweise wieder in sich zusammen, denn deren Bezugssystem erweist sich sowohl thematisch als auch ästhetisch als doch sehr beschränkt.

Oliver Kielmayer (*1970, Baden) ist seit 2006 Leiter der Kunsthalle Winterthur. kielmayer@gmx.net

Bis: 24.11.2013



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Ausgabe 7/8  2013
Ausstellungen 55. Biennale di Venezia [01.06.13-24.11.13]
Institutionen La Biennale di Venezia [Venezia/Italien]
Autor/in Oliver Kielmayer
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