Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Fokus
7/8.2013


 Allen globalen Verstrickungen zum Trotz: Wer durch das Defilee der Nationenpavillons an der Biennale von Venedig spaziert, der kann die national gefärbten Kompetitionsideen nie ganz ignorieren. Nur logisch, hoffen die Schweizer/innen, wohl aber auch die Spanier, Niederländer oder Dänen, das eigene Land möge dieses Jahr besonders gut dastehen.


Biennale Venedig / Nationenpavillons - The Voices of Venice


von: Claudia Spinelli

  
links: Anri Sala · RAVEL RAVEL UNRAVEL, 2013, Video-Doppelprojektion HD, je 20'45', Deutscher Pavillon, Court.: Chantal Crousel, Paris/Marian Goodman, New York/Hauser & Wirth, Zürich, London. Foto: W. Egli
rechts: Akram Zaatari · Letter to a Refusing Pilot, Libanesischer Pavillon, 2013, Courtesy Sfeir-Semler Gallery, Beirut /Hamburg. Foto: Marco Milan


Mit seiner Lage neben dem Eingang der Giardini ist der Schweizer Pavillon in einer eher ungünstigen Position. Wer hier nicht aufdreht, fällt schnell wieder aus dem Gedächtnis des Publikums. Denn auf dem Gang durch die Giardini warten Effektvolles und politisch Brisantes wie zum Beispiel der Pavillontausch zwischen Deutschland und Frankreich. Oder ‹English Magic›, Jeremy Dellers ebenso witzige wie böse Abrechnung mit den gesellschaftlichen und politischen Schieflagen in seiner britischen Heimat. Oder - im Arsenale - der libanesische Pavillon mit ‹Letter to a Refusing Pilot›, eine wundervolle Film- und Videoinstallation von Akram Zaatari. Zwischen echter und fiktiver Erinnerung oszillierend erzählt der Künstler in berührenden Bildern eine Geschichte um einen israelischen Bomberpiloten im Libanonkrieg. Dieser hatte sich geweigert, auf eine palästinensische Schule zu schiessen und seine Bombe stattdessen ins Meer gelenkt.

Im Morast der Provinz
Mit seinem zurückhaltend gesetzten Werkensemble hat der Schweizer Valentin Carron im Kontext der 55. Biennale keinen leichten Stand. Dies liegt allerdings nicht an der Qualität seiner Arbeiten. Die schmiedeeiserne Schlange, die uns auf Augenhöhe empfängt und einer schwungvoll gezeichneten Linie gleich durch den ganzen Pavillon führt, die betonfarbenen, mit abstrakten Glasmosaiken durchsetzten Wandobjekte und die flachgedrückten Blasinstrumente evozieren die Vorstellung einer im Morast der Provinz schal gewordenen Moderne. Schweizer Besucherinnen und Besucher werden die «Fundstücke» mühelos mit eigenen Erinnerungen verbinden, das reduzierte Setting mit Gehalt und Gefühlen füllen.

Die Welt in Deutschland
Gute Kunst soll sich den Fragen der Zeit stellen. Da sind sich die meisten Zeitgenossen einig. Dennoch kommt einem der im französischen Pavillon gastierende deutsche Beitrag mit seiner Suche nach relevanter Kunst reichlich verkrampft vor. Kuratorin Susanna Gaensheimer hat sich mit Ai Weiwei aus China, dem frankoiranischen Filmemacher Romuald Karmakar aus Berlin, dem südafrikanischen Fotografen Santu Mokofeng und Dayanita Singh aus Indien für einen multinationalen Künstlertrupp entschieden. Damit will sie nicht nur die Rolle Deutschlands in der globalisierten Welt aufzeigen, sondern - so der Eindruck - mit dieser vierfachen Setzung zudem ein eindringliches Postulat für eine Kunst formulieren, die sich über ihr gesellschaftliches Problembewusstsein legitimiert. Eng in einen einzelnen Pavillon hineingepfercht, entwickeln die polyglotten Statements allerdings keinen überzeugenden gemeinsamen Klang.

Frankreich in Deutschland
Wie viel souveräner kommen die Franzosen mit ihrem von Anri Sala gestalteten Beitrag daher. Ihm gelingt es, das faschistische Erbe des deutschen Pavillons mit einer einzigen geschickten Massnahme auszuhebeln. Der Albaner, der schon lange in Paris lebt, liess das zentrale Portal schliessen und verlegte den Eingang auf die rechte Seite des geschichtsträchtigen Baus. Damit ist die architektonische Achse gebrochen und die faschistische Implikation nivelliert. ‹Ravel Ravel Unravel› heisst die Arbeit, die für viele zum Besten gehört, was man an der diesjährigen Biennale zu sehen bekommt.
Die dreiteilige Videoinstallation dreht sich um Maurice Ravels 1929/30 komponiertes Klavierkonzert für die linke Hand in D-Dur. Wer den zentralen Raum des Pavillons betritt, ist zunächst einfach nur hingerissen von der Virtuosität der beiden Pianisten, die das Klavierkonzert für Anri Sala spielen. In paralleler Projektion gezeigt, bewegt sich ihr Spiel einmal synchron, einmal wieder asynchron auseinander. Es ist klar: Die Legitimationsprobleme, mit denen sich die bildende Kunst herumschlägt, sind in der Welt der Musik kein Thema. Dennoch tun sich zusätzliche, ungemein spannende Bedeutungsebenen auf, wenn man weiss, dass Ravel das Klavierkonzert für den Pianisten Paul Wittgenstein komponierte, der seinen rechten Arm im Ersten Weltkrieg verloren hatte. Vor diesem Hintergrund wird das Klavierspiel der beiden Pianisten zu einem symbolhaften Statement gegen den Krieg.

Griechenland
Für die von der Europäischen Zentralbank gebeutelten Griechen ist es nicht die historische Vergangenheit, die zählt, sondern die unmittelbare Gegenwart. Ein über mehrere Räume hinweg gezogener Narrationsbogen führt die Wege eines armen Müllsammlers, eines Journalisten und einer Kunstsammlerin zusammen. Diese ist reichlich zerstreut und faltet gedankenverloren Geldscheine zu Blüten, die sie schliesslich so entsorgt, dass der Müllsammler sie findet. Das ist ein vielversprechender Tausch, der sich gut zu den im Foyer dokumentierten alternativen Geldsystemen fügt. Selten waren Kunst und gesellschaftliche Anliegen so nahe beisammen!
«History Zero» von Stefanos Tsivopoulos ist eines der vielen überzeugenden Statements im Parcous der Nationen, der diesmal eine überdurchschnittliche Nachhaltigkeit entwickelt und sich mit vielen bleibenden Eindrücken in den Köpfen der Besucherinnen und Besucher festsetzt.

Claudia Spinelli ist Autorin und Kuratorin. Seit drei Jahren leitet sie den Kunstraum Baden. Sie lebt in Basel. claudia.spinelli@me.com


Bis: 24.11.2013



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 7/8  2013
Ausstellungen 55. Biennale di Venezia [01.06.13-24.11.13]
Institutionen La Biennale di Venezia [Venezia/Italien]
Autor/in Claudia Spinelli
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=130628121518MV0-2
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.