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Fokus
7/8.2013


 Trotz viel zur Schau getragener Nationalidentität in den 88 Länderpavillons finden sich unter den Neuzugängen auch Alternativen zu Repräsentation und Folklore. Die dringend notwendige selbstkritische Betrachtung der Rolle dieser Biennale im internationalen Kunst(markt)geschehen wurde mit dem Goldenen Löwen für Angola gewürdigt.


Biennale Venedig / Nationenpavillons – Zehn Newcomer


von: J. Emil Sennewald

  
links: Petrit Halilaj · Untitled, 2013, Kosovarischer Pavillon. Foto: Werner Egli
rechts: Lee Kit · You (You), 2013, Hong Kong Pavillon, Courtesy M+, WKCDA and HKADC. Foto: David Levene


Angola, Bahamas, das Königreich Bahrain, Elfenbeinküste, Kosovo, Kuwait, die Malediven, Paraguay und Tuvalu - exotische Newcomer, ergänzt um den Heiligen Stuhl im repräsentativen Waffensaal der Arsenale. Alle wollen Anschluss an die internationale Kultur-Zirkulation finden. Reiche Länder investieren, um sich auf der globalen Bühne zu etablieren. Andere erhoffen sich von der politischen wie ökonomischen Anstrengung des Biennale-Auftritts Impulse für zuhause. Alle müssen mit Vorurteilen umgehen - nur wenige erschüttern die Erwartungen. Bahrain demonstriert unter dem treffenden Titel ‹In A World Of Your Own› königliche Erhabenheit, mit Mariam Hajis Kohlezeichnung ‹The Victory› als Bühnendekoration voll epischem Pathos. Paraguay sucht schwächelnd den Anschluss zwischen lokaler Geschichte und globaler Kunst-Ästhetik. Und der Heilige Stuhl liefert vorhersehbaren Christen-Kitsch, dem sich auch Josef Koudelkas Fotografien nicht entziehen. Nur manche Neulinge wenden den Blick auf den Besucher zurück, reflektieren, manchmal leise, aber treffgenau wie Lee Kit im Beitrag für Hong Kong, Repräsentationszwang und Widerständigkeit.

Wertfaktor Kunst
Dass der Goldene Löwe an die Republik Angola ging, ist eine gute Geste. Engagiert, prozessorientiert und objektkritisch ist der Beitrag, den Paula Nascimento und Stefano Rabolli Pansera kuratierten. Sie befassen sich als ‹Beyond Entropy› mit urbanen, ökonomischen Realitäten in Angola oder auf Sardinien, wollen «der Nachhaltigkeits-Rhetorik» etwas entgegenhalten, zeigen, dass Energie mehr ist als ein «technisches Problem», dass sich mit ihr Räume fundamental verändern. Der bescheidene Beitrag des 36-jährigen Edson Chagas im Palazzo Cini unweit der Accademia - kaum einer fand vor der Bekanntgabe des Preises hierher - weist auf die ökonomische Wirkung von Kunst als symbolischem Mehrwert hin, imitiert deren Zirkulation im Turbokapitalismus. Die kostenlos verteilten Plakate mit wertlosen Alltagsfundstücken, die der Künstler zwischen prächtigen Werken Piero de la Francescas oder Botticellis im Palazzo aufstapelt, spielen nicht nur mit dem Kontrast zwischen alter europäischer Pracht und aktuellem afrikanischen Elend. Sie machen uns zu Komplizen, die stolz die rote Faltmappe mit Postern herzeigen: «Das ist sehr schön, schau mal, die Mappe ist schon ein Kunstwerk», erklärt ein Besucher mit glänzenden Augen.
Angolas Beitrag dekonstruiert als einer der wenigen den Habenwollen-Reflex als Antriebsmotor der Kunst-Zirkulation. Viele der angestammten Nationen - namentlich Belgien, die Schweiz und Frankreich - schaffen es nicht, vom erhabenen Biennale-Erschauern Abstand zu nehmen, schaffen Monumente, statt klar Position zu beziehen. Die wohltuende Ausnahme bildet Jeremy Deller im britischen Pavillon, der gesellschaftskritisch und mit Witz auch das Zeigenwollen seiner Auftragsnation unterläuft. China macht das Gegenteil, betreibt gar Propaganda, das grossformatige Farbfoto von Wang Qu2ingsong, ‹Temporary Ward›, 2008, soll wohl die dekadente Westgesellschaft darstellen. Solch frecher Kunstgebrauch wäre zu debattieren. Stattdessen wird man mit theatralen Gesten auf den Zuschauerplatz verwiesen. Auch der begehbare Erdbau von Petrit Halilaj für den Kosovo, der deutlich hinter dessen früheren Bearbeitungen seiner Herkunft und Geschichte zurückbleibt, macht hier keinen Unterschied. Etwas ratlos schaut man durch Löcher auf zwei Kanarienvögel und einen gelben Anzug, der im White Cube an der Wand hängt, schiebt sich an anderen Besuchern im engen Erdkorridor vorbei, jeden weiteren Kontakt vermeidend.

Fetisch Folklore
Anders ‹40 Days and 40 Nights› des heute in New York lebenden Tavares Henderson Strachan (*1979, Nassau) im Pavillon der Bahamas. Die etwas disparate Schau des konzeptuell arbeitenden Künstlers wird regelmässig von den Gesängen des kleinen Videos durchklungen, die man gleich als authentische karibische Kulturäusserung identifizieren will. Ein genauerer Blick enthüllt das exotistische Vorurteil: Die vierzig singenden Schüler/innen reisten im Februar aus Nassau nach Venedig, um im Pavillon den «Ayayay»-Gesang anzustimmen. Dieser ist keinesfalls Teil ihrer Kultur, sondern wurde ihnen von einem Inuit aus Barrow beigebracht, der nördlichsten Stadt Alaskas. Mit der subtilen Weiterentwicklung seines Aufsehen erregenden Transports eines 4,5 Tonnen schweren Eisblocks aus Alaska auf die Bahamas 2006 wirft Strachan die Frage auf, wie nationale Kultur zu bestimmen sei, statt sie vorzuführen. Und zeigt persönliches, zwischenmenschliches Engagement als deren Grundlage.
Begegnung steht auch im Pavillon der Malediven im Vordergrund. Mit ‹Portable Nation› entschied sich das Kuratorenteam CPS - Chamber of Public Secrets (Alfredo Cramerotti, Aida Eltorie, Khaled Ramadan) für eine leider qualitativ wie kuratorisch unausgewogene Gruppenschau, die zu politischer Diskussion anregen soll. Highlight: Ursula Biemanns Video ‹Deep Weather›, das einen Zusammenhang herstellt zwischen Umweltzerstörung in Nordamerika und Überschwemmungen in Bangladesh. Was hier berührt, sind die Menschen, die sich mit «amphibischen Territorien» gegen industrielle Kollateralschäden stemmen, die ihnen als Naturgewalt erscheinen. Erneut sind es die raren Momente der Begegnung, die zeigen, was diese Biennale sein könnte: Plattform für international wahrnehmbare Statements zum Kunstbetrieb, zu dessen Mängeln und Verantwortungen, vielleicht gar zu einer Ethik des Ausstellungsmachens und -besuchens selbst.

J. Emil Sennewald (*1969), Kunstkritiker, Paris, schreibt über Bild und Bildkritik. Emil@weiswald.com


Bis: 24.11.2013


Angola, Palazzo Cini, Nähe Accademia; Luanda, Palazzo Cini; Hong Kong, Arsenale u. Castello; ­Malediven/Portable Nation, Gervasuti Foundation, Castello; Paraguay, Palazzo Carminati, Santa ­Croce; Bahamas, Bahrain, Heiliger Stuhl, Kosovo im Arsenale



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Ausgabe 7/8  2013
Ausstellungen 55. Biennale di Venezia [01.06.13-24.11.13]
Institutionen La Biennale di Venezia [Venezia/Italien]
Autor/in J. Emil Sennewald
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