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Fokus
7/8.2013


 Kinder, ihr könnt unmöglich schon satt sein!! Als «Mutter aller Biennalen» bewährt sich Venedig mal wieder mit dem Begleitprogramm: Mit 47 Eventi collaterali und unzähligen weiteren Ausstellungen wird so lange nachgereicht, bis jede Sehlust befriedigt, jeder Geschmack bedient ist.


Biennale Venedig / Eventi collaterali - Etwas für die Schaulust


von: Ruth Händler

  
links: Loris Cecchini · Del riposo incoerente, 2013, Glas und Eisendraht, 340x100 cm, Ausstellungsansicht Palazzo Cavelli Franchetti ©ProLitteris
rechts: Lynette Yiadom-Boakye · Gemäldegruppe, 2012, Ausstellungsansicht Palazzo Contarini Polignac


Ohne die Eventi Collaterali wäre die Biennale nur halb so schön. Denn die Ausstellungen im Centro Storico und auf den Inseln drumherum führen oft an Orte, wo sonst nur Commissario Brunetti ermitteln darf. Für die Biennale-Gäste aber öffnen sich, ganz ohne Leiche, Spurensicherung und Zeugenbefragung, die Tore der schönsten Paläste am Canal Grande.
Zur Venedig-Premiere vor zwei Jahren hatte das Pinchuk Art Centre den Palazzo Papadopoli als Bühne seiner Ausstellung zum hochdotierten Future Generation Art Prize gemietet. Inzwischen wurde der Canal Grande-Prachtbau einer typisch venezianischen Weiterverwertung zum kleinen Luxushotel zugeführt, wo man schon für schlappe 1000 Euro nächtigen kann. Glück für Kunstschaffende und Gäste von Pinchuks diesjähriger Venedig-Schau, denn locationmässig geht es noch viel besser: Die Arbeiten der 21 Shortlist-Künstler aus fünf Kontinenten sind jetzt in den Räumen des Frührenaissance-Palastes Contarini Polignac bei der Accademia-Brücke zu sehen: vom Wassergeschoss, wo Rayyane Tabet einen urbanen Teppich aus in Beton gegossenen Bauklötzen gelegt hat, bis in eine Dachkammer mit der Videoprojektion des Japaners Meiro Koizumi. Viele Installationen und Videos sind in die voll eingerichteten Säle integriert, die einen wunderschönen Einblick in ein historisches venezianisches Interieur und die private Wohnatmosphäre der jetzigen Hausherren de Montebello bieten. Beschwingt schreitet man durch Kaminzimmer, Boudoirs und Bibliothek auf den Spuren illustrer Gäste wie Claude Monet, Maurice Ravel oder Igor Strawinsky, die den Palazzo und seine frühere Besitzerin Winnaretta Singer einst beehrten.

Kernkompetenz Glas
Manches Werk der Pinchuk-Künstler, darunter auch Performances während der Eröffnung, entstand eigens für den Ort. Im Portego des Piano Nobile hängen die Gemälde von Lynette Yiadom-Boakye, die den mit 100'000 Dollar dotierten Hauptpreis erhielt. Die britische Künstlerin ghanaischer Abstammung malt scheinbar realistische Porträts farbiger Menschen, die aus dunklen Gründen auf die Bildbühne treten, tatsächlich aber Fantasiefiguren sind. Flotte Malerei, hoher Wiedererkennungswert und Geschichten, die jede/r von Bild zu Bild spinnen kann - Lynette Yiadom-Boakye (*1977) ist schon jetzt Shootingstar des Jahres, mit guten Aussichten auf den Turner Prize. Ihre Bilder hängen auch im zentralen Pavillon der Giardini - Biennale-Leiter Massimiliano Gioni sass in der Jury des Future Generation Art Prize.
Gleich gegenüber im Palazzo Cavalli Franchetti, auf der anderen Seite der Accademiabrücke, ist auch dieses Jahr ‹Glasstress› angesagt. Unter dem Titel ‹White Light/White Heat› geht die Rückbesinnung auf Venedigs Kernkompetenz, die Glasbläserei, in die dritte Runde. Der venezianische Initiator des Projekts, Adriano Berengo, und der britische Kurator James Putnam haben dieses Mal 66 internationale Künstler und Designer eingeladen. Mit den Glasmeistern von Murano sind Objekte entstanden, die dem in der Gegenwartskunst eher uncoolen Werkstoff Glas sein Geschmäckle nehmen sollen. In vielen Fällen gelingt das auch ganz gut in der unterhaltsamen Schau, heuer auf drei Orte verteilt, wobei man die Scuola Grande Confraternità di San Teodoro bei Rialto auslassen kann.
Wer das Feld der ganz grossen Namen bei ‹Glasstress› etwas ausgedünnt findet, wechselt einfach hinüber auf die Isola di San Giorgio Maggiore: Dort hat die rührige Fondazione Giorgio Cini mit der Schweizer Pentagram Stiftung im vergangenen Jahr ihre ‹Stanze del Vetro› eröffnet. Die neuen Ausstellungssäle in einem ehemaligen Internat des Klosterkomplexes dienen der Forschung und Präsentation der Glaskunst ab dem 20. Jahrhundert. Die Schau ‹Fragile?› zeigt gläserne Highlights der Kunstszene, von Marcel Duchamp über Joseph Beuys bis Giuseppe Penone und Rachel Whiteread. Dabei: Pipilotti Rists Video-Installation ‹Ever is Over All› mit der schönen jungen Frau, die fröhlich die Autoscheiben einschlägt - 1997 Rists erster und gleich ausgezeichneter Biennale-Auftritt. In einer Extra-Schau hat auf der Insel auch ein anderer Schweizer Künstler einen grossen Auftritt: Not Vital zeigt seine suggestive Installa-tion ‹700 Snowballs›, die in die Nähe ihres Entstehungsorts Murano zurückkehrt.

Provokation und Schönheit
Sehenswert ist auf der Isola San Giorgio Maggiore auch die grosse Solo-Schau von Marc Quinn, die einen umfassenden Einblick in das Werk des Protagonisten des YBA-Künstlers gibt. Vor seinen Werken, etwa dem Selbstporträt aus dem eigenen, gefrorenen Blut, lässt sich die Mischung aus Faszination und Verstörung erspüren, die zum beispiellosen Erfolg der YBA/Young British Artists in der Kunstszene führte. Quinns aufgeblasene, elf Meter hohe Gummiskulptur der schwangeren Alison Lapper, einer Künsterkollegin, die ohne Arme und mit verkürzten Bein-Gliedern zur Welt kam, schwimmt vor der Palladio-Kirche der Insel. Sie regt, was ja nie falsch ist, lokale Diskussionen an: Was kann man dem Bild Venedigs zumuten? Was geht zu weit? Auffallend ist, dass viele kleinere Kirchen, die während der früheren Biennalen für Ausstellungen genutzt wurden, jetzt geschlossen bleiben. Eine aber ist nun geöffnet. In der Kirche Sant'Antonin nahe dem Arsenale-Gelände zeigt der chinesische Künstler Ai Weiwei in stählernen Guckkästen mit Szenen zu seiner Haft, wie es aussieht und wie es sich anfühlt, wenn ein Mensch die Bestimmung über sein Leben verloren hat.

Ruth Händler schreibt über Kunst und Architektur, ruth-haendler@gmx.de


Bis: 24.11.2013



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Ausgabe 7/8  2013
Ausstellungen 55. Biennale di Venezia [01.06.13-24.11.13]
Institutionen La Biennale di Venezia [Venezia/Italien]
Autor/in Ruth Händler
Link http://www.futuregenerationartprize.org
Link http://www.glasstress.org
Link http://www.cini.it
Link http://www.lestanzedelvetro.it
Link http://www.zueccaprojectspace.com
Link http://www.mostramanet.it
Link http://www.fortuny.visitmuve.it
Link http://www.correr.visitmuve.it
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