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Fokus
7/8.2013


 Das Kunsthaus Glarus überzeugt immer wieder durch die Klarheit der Architektur von Hans Leuzinger aus den frühen fünfziger Jahren. In der aktuellen Ausstellung antwortet Luca Frei auf diese Räume mit einer hoch spezifischen Werkkonstel­lation. Dabei geht es vielfach um Zeit, Zeit, die nicht einfach ­verstreicht, sondern sich zwischen Erinnerungen und augenblicklicher Interaktion ausbreitet. Freis Zeit verläuft linear, sie dehnt sich aber auch aus in Flächen, nimmt Raum ein. Damit erhöht sich für uns die Wahrscheinlichkeit, in verschiedenen Zeiten zugleich unterwegs zu sein.


Luca Frei — Linien in Zeitflächen


von: Hans Rudolf Reust

  
links: Inheritance (Detail), 2013, 24 Schwarz-Weiss-Fotografien auf Barytpapier, 70 Digitaldrucke auf Schaumstoff. Foto: David Aebi
rechts: Strength, 2013, 15 Horgenglarus-Stühle, Modell classic 1-380. Foto: David Aebi


Aus einfachen, schwarz bemalten Holzstühlen, die mal nach innen, mal nach aussen gewendet sind, formt sich die liegende Acht der Unendlichkeit. Ihre Linie zeichnet im hinteren Teil des Saales einen Ort aus, den ich umkreisen, nicht aber betreten kann. ‹Strength›, 2013: Eine Skulptur ist dies nicht, eher ein in sich verschlungenes, lineares und plastisches Setting auf Zeit. Doch just in ihrer scheinbaren Vorläufigkeit, die auf eine unendliche Progression sozialer Ordnungen hinweist, nimmt diese Figur teil an einer Topografie von Ereignissen im Saal.
Da ist vor allem auch das lange Metallregal mit sechzig vorläufig ausgepackten Sanduhren, manchmal drei, manchmal vier auf einem Tablar, die ich leicht drehen und zu einer eigenen Zahl simultaner Abläufe ordnen könnte: ‹The Sun Twenty Four Hours›, 2011. Dieser Titel verweist nicht nur auf endlos sonnige Tage, sondern auch ganz pragmatisch auf das italienische Wirtschaftsmagazin ‹Il sole 24 ore›, dessen Kulturkommentare mitunter Kult waren. Oder ‹Stitched (Lines of Least Resistance)›, 2012: Nur prekär fügen sich die Bruchstücke mehrerer Gläser durch Bleifassungen wieder in zusammenhängende Flächen mit Brechungen: diskontinuierlich spiegelnde, transparente Kontinuen, deren Risse trennen und gleichzeitig verbinden.
So liesse sich bei Luca Frei vielleicht auch die Moderne verstehen, auf deren Farb- und Formenrepertoire er sich oft explizit bezieht. Wenn die unzähligen kulturkritischen Post-Botschaften selbst immer schon zu spät kommen, hat die Moderne endgültig aufgehört, ein Projekt zu sein. Sie manifestiert sich vielmehr als ein brüchiges Pluriversum, dessen Partikel sich zu immer weiteren, unerwarteten Konstellationen fügen lassen, wie jene gebogenen, mehrfach schiefen weissen Stellwände, die Frei mitten im Raum zu einem dynamischen Cluster formiert: ‹What Time is it?›, 2009. Auch hier wirkt die fragile Anordnung wie ein räumliches Element, das seinen Status zwischen Architektur und Skulptur eher permanent anpeilt als dauerhaft gefunden hat. ‹Everything was to be done. All the adventures are still there›, 2003-2010, steht in einer früheren Textarbeit zu lesen. Die Wahrscheinlichkeit des Unerwarteten erhöht sich in einem instabilen Zustand mehr noch als in einem utopischen Programm. Freis Moderne ist das, was auch künftig noch unerfüllt geblieben sein wird.
‹Thursday followed Wednesday and Tuesday followed Monday and there was Sunday and there was Saturday and there was Friday› - der Ausstellungstitel in Glarus zitiert eine Wendung aus Gertrude Steins Roman ‹Mrs. Reynolds›. Die schiere Folge der Wochentage verdrängt hier jede qualitative Vorstellung von Zeit als Ereignisraum, wie bei Prinz Leonce, der zu Beginn von Georg Büchners Lustspiel ‹Leonce und Lena› «dreihunderfünfundsechzigmal hintereinander auf einen Stein zu spucken hat». Die formale Leerung der Zeit, zumal wenn sie in historisch höchst belasteten Momenten geschieht, lenkt indirekt die Aufmerksamkeit auf die Katastrophen und das unerfüllte geschichtliche Potential.
In Glarus hat Luca Frei zwei Folgen von Werken aus der Sammlung ausgewählt, um sie als strenge Reihe in zwei ansonsten leeren Sälen zu hängen. Die grossen Leerstellen im White Cube beginnen dabei ebenso zu sprechen wie die überraschende Zusammenkunft sehr besonderer Malerei: Die ausgewählten Figurenbilder, Landschaften und das Interieur in sehr unterschiedlichen Techniken verbindet eine Entschiedenheit in der Geometrie. Zugleich belässt ihnen die konsequente Reihung einen hohen Grad an individueller Differenz. Bilder aus dem kollektiven Gedächtnis des Museums werden respektvoll, doch unentrinnbar vergegenwärtigt.

Panorama einer Zeit
Ebenso respektvoll und überraschend agiert Luca Frei auch in seiner jüngsten Arbeit ‹Inheritance›, 2013: Allen vier Wänden entlang zieht sich auf Kniehöhe ein Fries aus fotografierten Ringordnern voller Negative, worin sich die Fülle von Aufnahmen zeigt, die Freis Vater, ein Berufsfotograf im Tessin, hinterlassen hat. Aus vielen Negativstreifen wurde jeweils ein einzelnes Bild ausgewählt und als kleiner schwarzweis-ser Abzug in einem verglasten Rahmen auf Augenhöhe präsentiert. Durch die Auswahl weniger Motive entsteht nicht nur der Eindruck von punktuellen Rückblenden in die Mitte der siebziger Jahre, zugleich baut sich hier eine Vorstellung des immensen Archivs auf: Porträtaufnahmen, Familienszenen wie der kleine Junge neben dem gros­sen Boxerhund, Fussball, ein Wohnhaus irgendwo im Tessin. Ohne jede Dramatik entfaltet sich das Panorama einer Zeit und eines Landstrichs, in dem gerade das Vertraute auch den Zweifel weckt, dass Dinge der Fotografie entgehen können.
Aus zeitlicher Distanz und in seiner künstlerischen Aneignung erweist sich das persönliche Archiv auch als Fundus für ein kollektives Gedächtnis. Ähnlich wie oral history könnte diese visual history sich in persönlicher Tradierung dynamisch weiter verbreiten und durch andere Vorstellungsbilder ständig verändern. Dabei verweist er auf Gabriele Schwab: «Memories are passed on from generation to generation, most immediately by stories told or written, but more subliminally through a parent's moods or modes of being that create a particular economy and aesthetic of care. Formed during the earliest phases of life, the latter are often remembered nor as thoughts or words or stories but existentially as moods or even somatically of embodied psychic life.» 1
Die Fotografie tritt bei Frei nicht allein als Sammlung autonomer Bilder auf, sondern auch als Linie im Raum. Seltsam hermetisch wirkt hier zunächst das Bild eines abgekoppelten Lastwagenanhängers, der - verschlossenen und ohne Aufschrift - wie ein streng kubisches Volumen auf Rädern irgendwo auf einem Parkplatz verloren dasteht, umrahmt von Büschen und Bäumen. Stillgestellt, wie fixiert in einem Bild, klingt hier die Geschichte eines Transitkantons an, der seine eigene Geschichte der Migration von Menschen und Waren zwischen Norden und Süden kennt. Dieses Bild verweist aber auch auf eine weitere Serie von Fotografien, die in der Ausstellung einen eigenen Komplex bildet: ‹North East South West›, 2013. Aus einem Firmenarchiv sind ein Dutzend Ansichten von Lastwagenplanen versammelt, deren Verschnürungen abstrakte statische Muster bilden und zugleich auf die Mobilität verweisen.
Luca Frei lässt seine Werke bewusst in der Schwebe zwischen reinen Formen und Fragmenten eines persönlichen oder kollektiven Repertoires. Auch uns lässt er die Freiheit einzugreifen, sei es mit eigenen Imaginationen oder ganz haptisch, durch ein Drehen der Sanduhr oder eine neue Anordnung der verketteten Stäbe, die in ‹D 10785›, 2010-2012, am Boden auf eine Interaktion ausgelegt sind. Die Zeit seiner Arbeiten ist wesentlich auch die Zeit, die wir mit ihnen verbringen.

Hans Rudolf Reust, Kunstkritiker und Dozent hkb, hreust@bluewin.ch

1 Gabriele Schwab, Haunting Legacies: Violent Histories and Transgenerational Trauma, Columbia University Press, New York, 2010


Bis: 11.08.2013


Luca Frei (*1976, Lugano) lebt in Malmö

2000-2002 Malmö Art Academy (MFA), Malmö
1999-2000 Yale University Summer School of Art, New Haven, Connecticut
1997-2000 Edinburgh College of Art (BA Hons), Edinburgh
1992-1997 Centro Scolastico Industrie Artistiche, Lugano

Einzelausstellungen (Auswahl seit 2010)
2013 ‹Lygia Clark Pavilion› in Kooperation mit Falke Pisano, Capacete, Rio de Janeiro
2012 ‹Two Lives, A Bridge›, Galerie Wien Lukatsch, Berlin; ‹Fifth Business›, Bonner Kunstverein, Bonn; ‹Februari›, Elastic Gallery, Malmö
2011 ‹9 settembre-29 ottobre›, Studio Dabbeni, Lugano
2010 ‹The end of summer›, Museo Cantonale d'Arte, Lugano; ‹They stared back at him with an expression of vicious, acrid boredom that trembled on the edge of violence›, Balice Hertling, Paris; ‹1012 KD, If I Can't Dance Tonight›, Frascati Theatre, Amsterdam
2009 Swiss Institute, Milano



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Ausgabe 7/8  2013
Ausstellungen Luca Frei [19.05.13-11.08.13]
Institutionen Kunsthaus Glarus [Glarus/Schweiz]
Autor/in Hans Rudolf Reust
Künstler/in Luca Frei
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