Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Fokus
7/8.2013


 Erst vor kurzem fand ich heraus, was Kunst ist und wann sie entstand. Papst Julius II. stellte 1503 die Apollo-Statue in den vatikanischen Belvedere-Garten und erfand damit die Kunst. Als ich kürzlich das Museum of American Art Berlin besuchte, eröffneten sich mir die folgenden Zusammenhänge


Ansichten - Von Apollo zu Dada


von: Adrian Notz

  
Apollo, Acryl auf Leinwand, Kopie aus dem 21. Jahrhundert nach einer römischen Kopie aus dem 2. Jahrhundert von der hellenistischen Bronze


Papst Julius II. stellte die Apollo-Statue in den neu gebauten Vatikan-Garten namens Belvedere. Kurze Zeit später wurde die Laocoon-Gruppe ausgegraben und ebenfalls in den Garten gebracht. Es folgten weitere Statuen wie Torso, Nile, Cleopatra, Venus und andere. Diese Statuen wurden davor nur als belangloser Marmor wahrgenommen, der verstreut in privaten Palästen stand oder über Jahrhunderte in der Landschaft begraben war. Dadurch, dass der Papst die Skulpturen im Garten gruppierte, wurden sie zu Ausstellungsstücken. Die Fragmente der Vergangenheit, zwischen Orangenbäumen in speziell gebauten Nischen platziert, eröffneten den damaligen Zeitgenossen einen vollkommen neuen Anblick, eine neue Vision der Vergangenheit. Es war die Geburt der Moderne. Diese Statuen wurden im Garten zu den ersten modernen Kunstwerken und in dem Sinne auch zu den ersten Kunstwerken überhaupt. Der Tatbestand, dass Papst Julius II. die Apollo-Statue in seinen Garten stellte, prägte das Konzept der Kunst in der gesamten westlichen Welt der letzten fünf Jahrhunderte. Der Papst hat mit dieser Geste zum einen die Moderne ausgelöst und zum anderen die Kunst erfunden.
Auf die bisherige jahrtausendealte Ebene der Religion legte der Papst die Ebene der Kunst. Er hat damit nicht die Religion abgeschafft, sondern lediglich eine nächste Ebene hinzugefügt, ebenso, wie Religion als eine nächste Ebene zum Bereich der Magie addiert wurde. Mit dieser Vorstellung lässt sich auch die Bedeutung von «Dada» bestens aufzeigen. Es ist wichtig, dass «Dada» in Anführungszeichen geschrieben wird, weil wir heute noch nicht genau wissen, was «Dada» ist, wie auch der Papst nicht wusste, dass er die Kunst erfunden hat. In dieser Dimension denkend, kann man also sagen, dass auch «Dada» eine nächste Ebene ist, die vor hundert Jahren auf die Kunst gelegt wurde. Es wären dann vier Begriffe, die sich nebeneinander stellen liessen: Magie - Religion - Kunst - «Dada».
Ein grosser Unterschied hinsichtlich der Ebene «Dada» liegt in der Intention des Unterscheidens. Die Religion wollte sich klar von der Magie unterscheiden, wollte nicht «heidnisch» sein. Die Kunst wollte sich klar von der Religion unterscheiden und «aufgeklärt» sein. Mit «Dada» aber wird nicht das Unterscheiden in den Vordergrund gestellt, sondern das Vergleichen: «Dada» will nicht mit den «unteren» Ebenen brechen, sie nicht tilgen, sondern in sie abtauchen, um sich aus, mit und dank ihnen aufzuschwingen.

Adrian Notz ist Direktor des Cabaret Voltaire, das soeben mit einem Relaunch neu ausgerichtet wurde.



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 7/8  2013
Institutionen Cabaret Voltaire [Zürich/Schweiz]
Autor/in Adrian Notz
Link http://museum-of-american-art.org
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=130628121518MV0-8
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.