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Fokus
7/8.2013


 Das 1995 eröffnete Centre d'Art Neuchâtel/CAN schlitterte zwi­schen 2005 und 2007 am Untergang vorbei. Mit der Übernahme 2008 durch den Verein Kunstart begann ein neues Abenteuer. Wie hat sich die Institution in den letzten fünf Jahren entfaltet? Wo steht sie heute?


Förderpolitik - Alles ist ein Spiel


von: Katharina Holderegger Rossier

  
Arthur de Pury, Julian Thompson, Marie Villemin, Martin Widmer und Marie Léa Zwahlen. Foto: A. Satus


Obwohl noch keine zwanzig Jahre alt, hat das CAN bereits eine bewegte Geschichte hinter sich. Mit intelligenten Ausstellungen war es dem Kunstzentrum rasch gelungen, sich bis weit über die Landesgrenzen hinaus zu profilieren. In den Jahren nach dem Wechsel an das Swiss Institute in New York von Marc-Olivier Wahler, der bis 2000 als künstlerischer Leiter tätig war, verlor es freilich an Schwung. Zum Zeitpunkt des Todes des Gründers Jean-Pierre Huguet 2006, der bis zuletzt die Fäden gezogen hatte, war es von der Pleite bedroht. Bereits 2005 hatten indes jüngere Kurator/innen, Kritiker/innen und Kunstschaffende aus der Region, die sich vergeblich um einen Generationenwechsel im CAN bemüht hatten, den Verein Kunstart gegründet - u. a. mit dem Ziel, das von der Stadt vermietete einstige Fabrikgebäude an der Rue du Moulin 37 zu übernehmen. Nachdem mehrere Anläufe bei den Behörden gescheitert waren, es dem alten Trägerverein abzuwerben, gab dieser 2007 schliesslich selbst grünes Licht zu einer solchen Nachfolgelösung. Am 1. Januar 2008 konnte der Verein Kunstart zwei seiner führenden Köpfe die Schlüssel des CAN in die Hand drücken, nämlich dem erstaunlichen Aktivisten und Intellektuellen Arthur de Pury - vormaliger Entwicklungshelfer und Sanskrit-Student - und dem Künstler Massimiliano Baldassarri.
Pury, der seit 2008 als Direktor verantwortlich zeichnet, kommt nicht alleine zum Gespräch. Um den grossen Tisch in der Bibliothek, die den Blick frei gibt auf die ineinander verkeilten Dächer der Altstadt, setzen sich auch die Kunsthistorikerin Marie Villemin, die Pury und Baldassarri schon früh ergänzt hat, und der Künstler Martin Widmer, der vor einem Jahr Baldassarri abgelöst hat.

Eine Institution ohne Hierarchien
Das CAN «à partir de rien» wieder neu aufzubauen, sei «une énorme chance» gewesen, so Pury rückblickend. Die Mittel waren zwar bescheiden. Es musste aber auch «kein Personal, kein System» übernommen werden. Von Anfang an konnte so «in zwei Richtungen» gedacht werden: «Einerseits geht es darum, wie die Kraft der Kunst in unserer Institution präsentiert werden kann. Andererseits denken wir ständig darüber nach, wie unsere Institution funktionieren soll, sowohl intern als auch in Bezug auf alle anderen Akteure in der Welt der zeitgenössischen Kunst. Eine Frage, die uns sehr am Herzen liegt und effektiv beide Aspekte miteinander verbindet, betrifft die Art und Weise, wie heute Kunst produziert wird. Sie wird zwar von manchen Künstlern untersucht, aber die Kunstzentren stehen dabei nicht im Fokus. Wir möchten uns in diese Debatte einmischen.»
Seit 2009 gehören zum Team auch der technische Allrounder Julian Thompson und eine weitere Kunsthistorikerin, Marie Léa Zwahlen. Nur die Pensen sind dabei von Pury über Villemin und Thompson zu Widmer und Zwahlen leicht abgestuft. Sonst gelten die gleichen Bedingungen. Die Dehierarchisierung sei für das CAN ein Leitmotiv, so Pury. Im Alltag heisst dies laut Widmer: «Wir gestalten gemeinsam das künstlerische Programm und übernehmen darüber hinaus unterschiedliche Aufgaben im Zusammenhang mit der Organisation: Ich kümmere mich etwa noch um die Grafik und Marie um die Presse.» Villemin räumt ein: «Wir brauchen zwar oft viel Zeit, um kuratorische Entscheidungen zu fällen, aber es zahlt sich aus. Dieses System ist intellektuell stimulierend und menschlich sehr gut. In vielen anderen Kunstzentren gibt es einen, der bestimmt, während der Rest nur ausführt.» Pury bekräftigt: «Die zeitgenössische Kunst ist heute sehr hierarchisch, sehr kompetitiv. Wir versuchen, nicht zu sehr das Egosystem zu beackern.» Pury sieht in dem kollektiven Ansatz sogar eine moralische, ja metaphysische Dimension: «Diese Begriffe sind vertrackt. Aber es gibt da etwas: Ist man bereit, sich so umfassend für die Kunst einzusetzen, muss man tief zufrieden sein mit dem, was man in seinem Tun für sein Dasein findet.»

Freiheit in der Provinz
Ist diese Leidenschaft das Geheimnis, das hinter dem sofortigen Anknüpfen des neuen CAN-Teams an die kuratorische Arbeit der besten Jahre steckt? Im Entwurf von Ausstellungen in neuen Rhythmen, Dimensionen und Interaktionen zwischen den Kurator/innen, Künstlerinnen und dem Publikum legte es in den letzten Jahren eine Kreativität an den Tag, die in dieser Dichte vielleicht einzigartig ist. Davon hat nicht zuletzt die lokale Szene profitiert. Statt etwa Weihnachtsausstellungen auszurichten, hat man nach Formaten gesucht, die den Kunstschaffenden wichtigere Erfahrungen und Beziehungen ermöglichen: Austauschausstellungen mit Kunstzentren im Ausland etwa, aber auch die von Villemin und Zwahlen gemeinsam betreute ‹L'OV›, eine Art falscher Off Space, der zwar unter dem Dach des CAN, aber vollkommen autonom vom Geschehen in den grossen Ausstellungsräumen und mit nur sehr wenig Aufwand das Treppenhaus, das sogenannte Studio und den ehemaligen Weinkeller ausreizt. Der im April abgeschlossene Jahreszyklus ‹Superama› und das seit Mai laufende Sommerprojekt ‹À la recherche de la Bohème perdue› kommen beide dagegen eher einer Integration der bisherigen Ansätze des CAN gleich mit ihrer Fülle unterschiedlicher Manifestationen, die entlang einer inhaltlichen Achse konzipiert sind.
Die Stadt und der Kanton Neuenburg verfügen nicht über Reichtümer. Das CAN ist deshalb trotz Subventionen auf Beiträge von Stiftungen und Freiwilligenarbeit angewiesen. Letztere wird vor allem von den Vorständen und den Mitgliedern des Vereins Kunstart sowie jungen Kunstschaffenden übernommen. Damit ist das CAN ein Zwischending zwischen einer öffentlichen Kunsthalle und einem unabhängigen Kunstraum. Darin sieht Pury jedoch keinen Nachteil: «Diese Unschärfe erlaubt es uns, unterschiedliche Register zu ziehen, je nachdem was wir zeigen.» Grundsätzlich sei es für das CAN «tout un jeu», nach allen Seiten so viel Unabhängigkeit wie möglich zu bewahren, gegenüber der Macht und dem Geld ebenso wie gegenüber den «milieux assez claniques» der zeitgenössischen Kunst. Aus dieser Sicht biete nicht zuletzt die Provinz etwas Spannendes, sind sich Pury, Villemin und Widmer einig. Ein bewandertes Publikum sei zwar schwieriger zu erreichen. Das CAN stehe aber auch nicht im Zwang, sich gegenüber konkurrierenden Institutionen abzugrenzen und in Bezug auf benachbarte Galerien zu definieren: «On est d'une grande liberté d'expression.»

Bis: 07.07.2013


‹À la recherche de la bohème perdue›, Projekt und eine Karawane von Neuchâtel nach Prag in Koope­ration mit dem DIVO Institute Prag zu dem von Nostalgie geprägten Selbst- und Fremdverständnis der ehemaligen Ost- und Westblockländer, Ausstellung im CAN, bis 7. 7.; anschliessend in der NTK ­Gallery Prag

Centre d'Art Neuchâtel (CAN)
1995 Gründung des CAN, 2008 Übernahme durch einen neuen Trägerverein (Kunstart). Jährlich Produktion von 6-12 Ausstellungen, 1-2 substantiellen Publikationen und 1-2 Editionen. Zwei Ausstellungssäle mit total 350 sowie das Treppenhaus, ein Studio und ein Weinkeller mit weiteren 120m2.
Finanzierung 2013: CHF 200'000 durch die Loterie romande, CHF 130'000 von der Stadt Neuenburg und CHF 20'000 vom Kanton Neuenburg sowie Beiträge von zwei weiteren Stiftungen (Familie Sandoz und Ernst Göhner) und CHF 8'000 durch die 120 Mitglieder des Vereins Kunstart.
Betriebskosten 2013: CHF 420'000, davon CHF 180'000 für Löhne und CHF 24'000 für die Miete der Ausstellungsräume sowie CHF 14'200 für die Miete einer Künstlerresidenz und eines Lagerraums.
Betrieb: Pury, Kurator, Direktor (100%), Villemin, Kuratorin, Presse (83%), Thompson, Technik, Webmaster (83%), Zwahlen, Kuratorin, Recherche (64%), Widmer, Kurator, Grafik (64%), Freiwilligenarbeit.
Publikum: Je ca. 200 Personen an den 10-12 Eröffnungen/Veranstaltungen, ca. 1500 zwischendurch.



Links

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Ausgabe 7/8  2013
Institutionen CAN Centre d'Art [Neuchâtel/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Link http://www.bohemeperdue.blogspot.ch
Link http://www.martinwidmer.org
Link http://www.massimilanobaldassarri.com
Link http://www.l-ov.org
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