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Besprechung
7/8.2013


Yvonne Ziegler :  Gegen Jean Tinguelys materialgewaltige Räderwerke setzt der litauische Künstler Zilvinas Kempinas leichtgewichtige Werke aus Videobändern, Ventilatoren und Leuchtstoffröhren. Positionswechsel im Raum, Augenbewegungen, Linienstaffelungen und Luftwirbel rufen verblüffende kinetische Effekte hervor.


Basel : Zilvinas Kempinas - Schwingende Bänder, knisternde Folien


  
links: Zilvinas Kempinas · Parallels, 2007, Magnetbänder, Holz, Eisen, Courtesy Galerie Yvon Lambert, Paris, und Galerija Vartai, Vilnius. Foto: Daniel Spehr
rechts: Zilvinas Kempinas · Fountain, 2011, Magnetband, Ventilator, rostfreier Stahl, Courtesy Galerie Yvon Lambert, Paris, und Galerija Vartai, Vilnius. Foto: Daniel Spehr


Eigentlich fing alles mit Farbe an. Der in der Sowjetrepublik Litauen geborene Zilvinas Kempinas (*1969) studierte zunächst Malerei am Staatlichen Kunst-institut in Vilnius, wo er bald Teil der Studentenrevolten um den litauischen Unabhängigkeitskampf wurde. So entstanden 1993 statt Gemälden plötzlich schwarze Objekte, 1994 folgten installative Arbeiten aus gefundenen Mikrofilmspulen, Papier und Ventilatoren. In den USA, wo er von 1998 bis 2002 «Combined Media» studierte und seit 1997 lebt, verstärkte er seine stetige Reduktion von Material und Farbe, es entstanden zunehmend grossformatige Objekte und ortsbezogene Raumarbeiten.
Das Publikum wird im Museum Jean Tinguely von zwei riesigen Lichtpfeilern empfangen, deren Kannelüren durch senkrechte, von Ventilatoren in Schwingung gebrachten VHS-Videobänder gebildet werden. Zum Fenster hin ergiessen sich Videobänder von einem mittig liegenden Ventilator wellenartig über den Boden. Ein Brunnen ohne Wasser und Auffangbecken, aus industriellen Materialien auf simple Weise hergestellt. Kempinas liebt es, Natürliches und Künstliches zu verbinden. Die Aktivierung des Publikums und des Raumes stehen im Zentrum seiner ästhetischen Recherche. Die Zeit der VHS-Bänder ist heute vorbei. Unbespielt, senkrecht parallel nebeneinander gespannt sind sie seitlich betrachtet unsichtbar, während sie frontal gesehen einen dichten schwarz reflektierenden Vorhang bilden. Die so bestückte Fensterfront zum Rhein changiert nunmehr zwischen Transparenz und Undurchlässigkeit. Das eigene Gehen, Wasserströmung und Zeitlichkeit des Mediums greifen ineinander. Auch wenn die Werke im Wesentlichen abstrakt sind, klingen künstlerische Bezüge an: zu Bruce Naumans Ventilatorinstallationen, Robert Irwins Raumteiler aus Gaze und Robert Morris' minimale Formen. Seit Kurzem kehrt in ‹Sternen› aus Fadengespinst und einem etwas kitschigen ‹Ballsaal› mit rot und blau schwingenden Lampen und im Wind knisternder Spiegelfolie Farbe in Kempinas Œuvre zurück.
Erwähnenswert sind auch die schwebenden Tapes, die unter dem Luftdruck der brummenden Ventilatoren eine kaum endene Faszination auslösen. Es sind Plastiken gebildet aus Volumen statt Masse, tanzende Striche einer Raumzeichnung. Und im Garten sowie im Skulpturenpark des Klosters Schönthal vibrieren schliesslich japanische Vogelschreckbänder auf rot-gelben Schneestangen.

Bis: 22.09.2013


Aussenarbeit ‹Kakashi›, 2013, im Kloster Schönthal Skulpturenpark



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Ausgabe 7/8  2013
Ausstellungen Zivlinas Kempinas [05.06.13-22.09.13]
Institutionen Museum Tinguely [Basel/Schweiz]
Autor/in Yvonne Ziegler
Künstler/in Zivlinas Kempinas
Link http://www.schoenthal.ch
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