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Besprechung
7/8.2013


Niklaus Oberholzer :  Das Museum Franz Gertsch stellt sein Kabinett der in Luzern lebenden Irene Bisang zur Verfügung. Sie lässt in ihren mitunter fast miniaturhaften Aquarellen und Ölmalereien ihrer Phantasie spontan freien Lauf und zeigt heitere, poetische, zum Teil in ihrer Ambivalenz aber auch bedrückende Traumvisionen.


Burgdorf : Irene Bisang - Malerei, zart empfunden und drastisch direkt


  
Irene Bisang · Frühling. 2012. Aquarell und Gouache auf Papier. 21x14,7 cm.


Zwei schnäbelnde Vögelchen sitzen auf einer aufgeschnittenen Zwiebel. Darunter häufen sich kleine Knochen. ‹Magic Onion› ist das bunte Bildchen betitelt, das - mit der Zwiebelform - an Erotisch-Fruchtiges und Fruchtbares erinnert und diese frische Farbenwelt bei aller Heiterkeit zugleich mit Todesvorstellungen verbindet. ­Irene ­Bisang (*1981) lebte zehn Jahre in Leipzig und war dort Meisterschülerin von Neo Rauch. Ihr Werk ist voller Gegensätze, es schwingt zwischen figurativer Imagination und ungegenständlicher farbiger Komposition, zwischen akribisch präziser Ölmalerei und spontan und mit grosser Sicherheit aufs Blatt gesetztem Aquarell, zwischen zarter und gefühlsbetonter Empfindung und oft drastisch wirkender Direktheit. Und vor ­allem lebt dieses Werk von einer mit unprätentiöser Selbstverständlichkeit vor­geführten Intimität, die stets von einem ironischen Lächeln auf den Stockzähnen begleitet wird.
Die Bilderwelt Bisangs ist geprägt von Motiven, die Sexualität in unterschiedlichen Konnotationen zitieren - ob da ein blauer Geist nach einer madonnenhaften Frau greift, ob eine saftige Erdbeere glänzt, ob eine Frau in eine Wurst beisst oder ob ein rotes Zierfischchen auf einen grünen, revolverhaften Penis stösst. In diese Bil-derwelt gehören auch die undoktrinären und vielschichtigen Auseinandersetzungen mit dem weiblichen Körper und mit weiblichen Rollenvorstellungen sowie die vielen verfremdenden Rückgriffe auf Bildwelten trivialer Religiosität wie auf Herz-Jesu- und auf Kreuzesdarstellungen. Zwei Beispiele: Auf einem Bild greift eine träumende Meerjungfrau an die ausgebreiteten Arme eines vom Kreuz befreiten Jesus; auf einem andern Bild halten bunte Kinderballons die Arme der Jesus-Figur in der Schwebe.
In Bisangs Bildern ist kaum Berechnendes zu finden. Die Künstlerin scheint keiner Strategie zu folgen, stattdessen zeichnet sie spontan aus dem Unterbewussten aufbrechende Regungen auf. Sie widmet sich den Bildern mit technischer Sorgfalt, wie zwei winzige Ölbildchen von Babys eindrücklich belegen. Sie tut das aber zugleich, vor allem in den Aquarellen oder in den weissen Hexen-Bildchen auf Himalaya-Papier, unbekümmert und im Vertrauen auf ihre gestalterischen Möglichkeiten. Das ambivalente Pendeln zwischen Formalem und Inhaltlichem und das spielerisch-forschende Auskosten des Sowohl-als-auch geben ihrem Schaffen eine surreale ­Note.

Bis: 08.09.2013



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Ausgabe 7/8  2013
Ausstellungen Irene Bisang [17.05.13-08.09.13]
Institutionen Museum Franz Gertsch [Burgdorf/Schweiz]
Autor/in Niklaus Oberholzer
Künstler/in Irene Bisang
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