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Besprechung
7/8.2013


Gisela Kuoni :  Zehn Künstlerinnen und Künstler haben sich intensiv mit der Geschichte des Palazzo Castelmur beschäftigt, in Archiven geforscht und die Umgebung erkundet. Die Arbeiten sind explizit für diesen Ort gemacht, aus dessen Umfeld herausgelöst, verlören die meisten von ihnen Wirkung und Sinn.


Stampa - Coltura : Video Arte Palazzo Castelmur


  
Zilla Leutenegger · Champagner Brunnen, 2013, Videoinstallation mit Objekten, (14 Champagner­gläsern, sandgestrahlt) 1 Projektion, Farbe, kein Ton, Loop, Courtesy Galerie Peter Kilchmann, Zürich. Foto: Ralph Feiner


Wie ein Märchenschloss thront der Palazzo jenseits der Maira. Wer hat hier gelebt und wie? Ist es Spiel, Lebensfreude oder gar Dekadenz, auf die Zilla Leutenegger hinweist, wenn sie im grossen Esszimmer ihren «Champagnerbrunnen» plätschern lässt und die Gelage der Palazzo-Bewohner aufs Korn nimmt? Durch eine Pyramide von Champagnergläsern flimmern die farbigen Schatten an der Wand und rufen rauschhafte Vergangenheit wach. Im Gang stehen zwei Hundebettchen, luxuriöse Schlafstätten für ein Haustier. Hat die Baronin überhaupt je einen Hund besessen? Märchen oder nicht - Leutenegger belebt das verwaiste Schlafplätzchen mit gezeichneten und mitunter atmenden Hunden («Schlafender Hund»). Und wenn im einstigen Musiksalon in weisser Leuchtschrift geisterhaft das Wort «Castelmurrrr» erscheint und die zahlreichen rrrr Zinnen an die Wand malen, erinnert die Künstlerin nochmals an die Baronin, die einsam und wie eingemauert zwanzig Jahre hier alleine lebte. Auch Karin Bühler hat sich mit den letzten Bewohnern beschäftigt, hat Gespräche geführt und sich erzählen lassen. Im grünen Schlafzimmer zaubert sie mit einer intimen und sehr poetischen Installation aus Fotos und Stimmen in digitalen Rahmen («Ich sehe (was war)») die einstigen Bewohner von Castelmur ins Leben zurück.
Mit der Videoarbeit «Handlauf Piz Duan» von Christoph Rütimann zieht atemberaubendes Tempo im Palazzo ein. Er zeichnet den Weg der Kamera auf, wie sie sich vom Berggipfel hinunter bewegt, über Maiensässe, durch Geröll und Schnee bis durch den grossen Gang des Palazzo hindurch und schliesslich im Tal beim Fluss Maira landet - immer entlang der aneinandergereihten Rohre, des Handlaufs. Nicht minder kühn ist das Video der artistischen Performancen ‹Berg und Beton› von Simone Zaugg mit der rätselhaften Geräuschkulisse aus dem gespenstischen Innern der Albigna-Staumauer. Sie thematisiert damit das wirtschaftliche Leben im Bergell, auch die Notwendigkeit, natürliche Ressourcen (Strom vom Berg) umzusetzen, und lässt die daraus resultierende Abhängigkeit deutlich werden.
Die Auswanderungswelle aus dem Bergell im 19. Jahrhundert (Judith Albert), die Rolle der Frau (Sissa Micheli), aber auch die ganze bauliche Vielfalt des Palazzo (frölicher/bietenhalder) sind Motive der beziehungsreichen, unterhaltenden und anregenden Schau. Sie wecken allesamt Aufmerksamkeit und Entdeckungslust und bringen neues Leben in das geschichtsträchtige, herrschaftliche Gemäuer.

Bis: 20.10.2013



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Ausgabe 7/8  2013
Ausstellungen Video Arte Palazzo Castelmur [02.06.13-20.10.13]
Video Video
Institutionen Video Arte Palazzo Castelmur [Stampa/Coltura/Schweiz]
Autor/in Gisela Kuoni
Künstler/in Christoph Rütimann
Künstler/in Simone Zaugg
Künstler/in Judith Albert
Künstler/in Sissa Micheli
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