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Besprechung
7/8.2013


Grit Weber :  Die kleinste Kunsthalle der Welt, ein Projekt von Caroline Bachmann und Stefan Banz, das sonst im Schweizer Cully von sich reden machte, ist auf Reisen gegangen. Nun präsentiert es sich mit der Ausstellung ‹La Broyeuse de Chocolat› den ganzen Sommer über auf der Mathildenhöhe in Darmstadt.


Darmstadt : Caroline Bachmann & Stefan Banz - Kunsthalle Marcel Duchamp


  
links: Kunstwerke von Caroline Bachmann und Stefan Banz nach Meret Oppenheim, Aldo Walker, Sonja Alhäuser und Robert Gober, Ausstellungseinblick ins Obergeschoss der Kunsthalle Marcel Duchamp. Foto: Gregor Schuster
rechts: Die Kunsthalle Marcel Duchamp vor dem Hochzeitsturm und dem Ausstellungsgebäude der Mathildenhöhe Darmstadt. Foto: Gregor Schuster


Von Weitem könnte man das Objekt für ein futuristisches Vogelhäuschen halten, das, vor der eigentlichen Ausstellungshalle auf einem Pfosten montiert, bei Wind und Wetter und rund um die Uhr seinen Dienst tut. Tritt man näher heran, leuchtet an einer Aussenseite eine rote Laufschrift auf, die Titel und Dauer einer ungewöhnlichen Ausstellung annonciert: Die Kunsthalle Marcel Duchamp liefert den gesamten Sommer über den kleinen, aber hochkarätig besetzten Ersatz für die wegen Sanierung geschlossene Ausstellungshalle der Darmstädter Mathildenhöhe.
Ein Surrogat also, und das im doppelten Sinn, denn äugen wir durch die Guckfenster und erhaschen einen Blick ins beleuchtete Innere, sehen wir die Werke von insgesamt neun Künstler/innen, die hier in der Umsetzung von Caroline Bachmann und Stefan Banz deutlich klein gerechnete Nachbauten sind. Zunächst fallen die Trüffelpralinen auf, die nach der Berliner Schoko-Künstlerin Sonja Alhäuser von Bachmann und Banz zu einer Pyramide aufgetürmt wurden und sofort Speichelfluss provozieren. Spätestens jetzt nehmen wir die Haltung eines lüsternen Voyeurs ein, der eine Mini-Peepshow besucht. Nach und nach rücken weitere Werke in den Fokus, die sich mehr oder minder mit dem Prinzip des Appetits und also des Begehrens beschäftigen: ein Schachbrett, darauf ein Teller mit einer aus Brotteig hergestellten Fischfrau (‹Bon appétit, Marcel!› nach Meret Oppenheim), ein direkter Kommentar auf Duchamps Schachpartie mit Eva Babitz; des Weiteren eine versaute Tapete, die weibliche und männliche Genitalien zeigt (nach Robert Gober); ein sich heftig küssendes Paar, das die Kopie eines Pictogrammes von Aldo Walker ist und schliesslich eine Abbildung der berühmten Schokoladenreibe von Marcel Duchamp, der ja mit ihr ein Gerät geschaffen hat, welches das sexuelle Begehren des Mannes als elementar sowie als mechanisch und somit als einseitig beschreibt. Sinn und Sinnlichkeit aber wird in dieser Ausstellungsebene, der lebendigen, der hellen, der nicht verdrängenden, mit Lust und Witz hervorgezeigt und in neue Beziehung gesetzt.
Die kleine Kunsthalle hat aber noch eine Art Keller (Verdrängung?), der dem Schokoladenraum von Ed Ruscha nachempfunden wurde und trotz des zum Vernaschen bestimmten Materials drückend wirkt. Darin abgestellt finden wir Beuys kalte, magere ‹Ziege› und eine Vogelfutterbüste von Dieter Roth, womit wir wieder unverhofft bei der ganz zu Anfang beschriebenen Futterhäuschen-Assoziation wären.

Bis: 03.11.2013



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Ausgabe 7/8  2013
Ausstellungen Caroline Bachmann, Stefan Banz [21.04.13-17.11.13]
Institutionen Institut Mathildenhöhe [Darmstadt/Deutschland]
Autor/in Grit Weber
Künstler/in Caroline Bachmann
Künstler/in Stefan Banz
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