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Besprechung
7/8.2013


Raimar Stange :  Die Farbe Schwarz nimmt seit Längerem eine zentrale Rolle ein im bildhauerischen Werk von Eva Grubinger, die seit den frühen Neunzigern zu den spannendsten Künstlerinnen ihrer Generation zählt. Jetzt untersucht sie in minimalistisch anmutenden Arbeiten den quasi okkulten Charakter dieser Farbe.


Leipzig : Eva Grubinger - Der quasi okkulte Charakter von Schwarz


  
links: Eva Grubinger · Black Maths, 2013, Installationsansicht, (v.l.n.r.) Counting Chain, 2013, Holz, Lack, Seil Ø 4 cmx320 cm; Construction #4, 2013, Bleistift auf Papier, 29,7x42 cm, Courtesy Tobias Naehring, Leipzig. Foto: Uwe Walther
rechts: Eva Grubinger · Black Maths, 2013, Installationsansicht, (v.l.n.r.) Q.E.D, 2013, MDF, Lack, 80x70x80 cm; Shroud, 2013, Fine Art Print auf Leinen, MDF, Lack, 152x200 cm, Courtesy Tobias Naehring, Leipzig. Foto: Uwe Walther


Auf «schwarze Mathematik» statt auf «schwarze Magie» spielt der Titel ‹Black Maths› der ersten Einzelausstellung von Eva Grubinger in der Leipziger Galerie Tobias Naehring an. Diese Anspielung ist durchaus programmatischer Natur, hinterfragt die Künstlerin mit ihrer Ausstellung doch den Unterschied von Religiösem und Rationalem. Da hängt beispielsweise die Skulptur ‹Angel Spot›, 2013, in einer Raumecke. Das dreidimensionale Fünfeck aus schwarz gestrichenem Holz evoziert dank seiner symbolträchtigen Platzierung an der Stelle, wo eigentlich Kruzifixe und «Eckgeister» zu finden sind, trotz seiner streng geometrischen Form alles andere als mathematische Rationalität. Und auch der Titel der Arbeit durchkreuzt eine rationale Lesart der Skulptur. Genau diese Spannung findet sich in der Ausstellung, in der neben Skulpturen auch Zeichnungen Grubingers zu sehen sind, immer wieder.
Etwa in der Skulptur ‹Q.E.D.›, 2013. Wieder ist das Werk aus schwarz gestrichenem Holz, dieses Mal fügen sich die Holzplatten zu einem unregelmässigen Tetraeder. Das Besondere an diesem überaus verwirrenden Körper ist, dass er aus jedem Blickwinkel anders aussieht. So wehrt sich diese Skulptur gegen jedwede Augenscheinlichkeit, gegen jedes im Titel versprochene, allzu logische «Quod Erat Demonstrandum». Stattdessen irritiert sie unsere Wahrnehmung nachhaltig. Narrativ und emotional aufgeladen sind diese ‹Black Maths› und dies, obwohl ihre Formensprache minimalistisch und präzise zu sein scheint. Die Minimal Art wollte bekanntlich durch ihre reduzierte, in gewissem Sinne leere Formsprache das Moment des Narrativen aus der Kunst entfernen, das Gegenteil allerdings trat ein. Der US-amerikanische Kritiker Michael Fried hat wohl 1967 als Erster darauf hingewiesen, dass die Kargheit die Rolle des Betrachtenden aufwertet und bei diesem prompt den Drang nach Narration weckt. Genau in diesen Prozess schreibt sich auch Grubinger ein, am überzeugendsten wohl in der Skulptur ‹Counting Chain›, in der wiederum kleine schwarze Tetraeder auf einer Schnur wie bei einem Rosenkranz aneinander gekettet sind. Das hier vorgestellte Zählen, eine Grundübung der Mathematik, gewinnt so mystisch-meditative Qualitäten mit religiösen Dimensionen. Den Umschlag von Rationalität in Religiosität versucht Grubinger auch in ihren Zeichnungen in Form zu bringen. Geometrische Figuren wie Dreiecke und Kreise fügen sich da zu ästhetisch ansprechenden, aber im mathematischen Sinne völlig sinnlosen Kompositionen zusammen.

Bis: 27.07.2013



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Ausgabe 7/8  2013
Ausstellungen Eva Grubinger [02.05.13-27.07.13]
Institutionen Tobias Naehring [Leipzig/Deutschland]
Autor/in Raimar Stange
Künstler/in Eva Grubinger
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