Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
7/8.2013


Ines Goldbach :  Er gehört zu den Pionieren der Sechzigerjahre und hat mit dem Einsatz von handelsüblichen Leuchtstoffröhren in standardisierten Dimensionen und Farben unverkennbare Kraftfelder aus Licht und Raum geschaffen. Nun sind Werke des Künstlers Dan Flavin in St. Gallen in einer sehenswerten Schau präsentiert.


St. Gallen : Dan Flavin - Prosaisches Material präzis platziert


  
Dan Flavin · the diagonal of May 25, 1963 (to Constantin Brancusi), 1963, The Estate Collection David Zwirner. Courtesy Stephen Flavin ©ProLitteris. Foto: Billy Jum


Selten sind Künstlerleben so leichtfüssig, wie man das gemeinhin annehmen möchte. Was sich im Nachhinein als logische Entwicklung eines künstlerischen Werks präsentiert, ist meist das Resultat eines unermüdlichen Ringens um Formfindung, gepaart mit Sorgen um die Finanzierbarkeit zahlreicher Ideen. Der New Yorker Dan Flavin (1933-1996) ist ein solcher Fall. Mit handelsüblichen Fluoreszenzlichtröhren, wie sie einst samt Armaturen meterweise an Decken montiert wurden, schlug Flavin ab den Sechzigerjahren einen radikalen Weg ein. Der Autodidakt schuf aus dem so prosaisch anmutenden Material und seiner präzisen Platzierung intensive Erfahrungsräume und stellte sich damit gegen sämtliche Sehgewohnheiten, gängige Erwartungen und Zuordnungen in der Kunst.
Der Weg führte über seine ab 1961 entwickelten ‹Icons›, von denen drei in St. Gallen zu sehen sind: eine Art quadratischer Holzboxen, an deren oberen Kanten Glühbirnen oder Leuchten angebracht sind. Die Wirkung, die das überblendende Licht auf der bemalten Oberfläche ausübte, interessierte Flavin. Es folgten Werke mit Fluoreszenzröhren, die zunächst meist nur als Zeichnung oder in Diagrammen existierten. Oft fehlte das Geld, die Leuchten zu erwerben. Dann das Jahr 1963: Flavin montierte eine genormte, 244 Zentimeter lange Fluoreszenzleuchte in der Farbe Gold im 45-Grad- Winkel diagonal aufsteigend an seine Atelierwand. Es war ihm gelungen, «ein heiteres und standhaftes, gasförmiges Bild» zu schaffen, «das durch seine Leuchtkraft die körperliche Gegenwärtigkeit fast zur Unsichtbarkeit verleitete». Nicht an der Herstellung eines Lichtobjekts war Flavin interessiert, sondern an einer immateriellen, visuell erfahrbaren Erscheinung, die an die Grenze des Sichtbaren geht und dadurch die jeweiligen architektonischen Vorgaben transformiert. Mit den nun unterschiedlich räumlich eingespannten Leuchtkörpern erreichte er gerade dies: Mit Licht und Architektur eine Situation zu schaffen, die den Raum nahezu durchlässig macht.
Die Werkschau, die zuvor in einer umfangreicheren Präsentation im mumok in ­Wien zu sehen war, zeigt - trotz begrenzter Räumlichkeiten und dadurch vereinzelten Werk-Überlappungen - einen guten Überblick über eine bahnbrechende künstlerische Entwicklung. Immer wieder erstaunlich, wie Flavins visionäre Raumbilder eine Wahrnehmungsbereitschaft fordern, die sich nicht nur auf das Leuchtobjekt beschränkt, sondern den Raum und die eigene Präsenz darin einbezieht.

Bis: 18.08.2013



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 7/8  2013
Ausstellungen Dan Flavin [16.03.13-18.08.13]
Video Video
Institutionen Kunstmuseum St. Gallen [St. Gallen/Schweiz]
Autor/in Ines Goldbach
Künstler/in Dan Flavin
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=130703111427O0X-19
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.