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Besprechung
7/8.2013


J. Emil Sennewald :  Ist die Fotografie der Fata Morgana verwandt? Die 2007 vom BAK bereits ausgezeichneten Fotos des aus Bildern gewachsenen Dubai, hergestellt vom Lausanner Fotograf Florian Joye, sind es. Indem sie den Blick auf Kulissen lenken, zeigen sie, wie sich Realität aus Bildern, Wünschen und Begierden formt.


Winterthur : Florian Joye - Desert Gate


  
links: Florian Joye · Venise Pearl, 2011(Doha), Quartier von Pearl Island nach venezianischem Vorbild
rechts: Florian Joye · Doha 2030, 2011, Teil des Modells, das Doha im Jahre 2030 repräsentiert, insbesondere mit einem 1km hohen Turm, dem zukünftig höchsten Turm der Welt


Alle rennen nach dem Bild. Die Wirklichkeit rennt hinterher. Das Forum für Dokumentarfotografie Coalmine zeigt das mit Florian Joyes (*1979) Serie ‹Desert Gate›. Landschaften, die es schwer machen, zwischen Bild und Realität zu unterscheiden. Der Absolvent der ECAL, der an der 2013 mit dem Eidgenössischen Preis für Design ausgezeichneten Zeitschrift ‹Novembre› beteiligt ist, fotografiert die Kulissen, mit denen der Wüstenstaat seit 2006 um Investoren wirbt. «Mich interessiert das Ephemere dieser Installationen mitten im Nichts», erklärt der Fotograf. «2005 wirkte das wie der Planet Tatooine aus ‹Star Wars› oder die Besiedlung des Mars - die Stadt in der Wüste, ihre Baustellen, die Mischung aus Touristen und Locals. Auf der Baustelle des Burj Khalifa, heute das höchste Gebäude der Welt, konnte man in einem von Armani gestylten Aufzug wie auf einem Jahrmarkt scheinbar auf 800 Meter hoch fahren und über die zukünftige Stadt blicken. Tatsächlich blieb man am Boden, war hinter der Kulisse nur Wüste.» Noch heute werben aufwändige Modelle in Agenturen um Kunden für Projekte wie ‹Universe›, eine künstliche Inselgruppe in Form von Sonne, Mond und Sternen. «Dubai und die anderen Boomtowns der arabischen Emirate sind totalitäre Bilderstaaten, die Herrscher fokussieren den Blick auf gewünschte Realität. Das sind Architekturen der Darstellung, nicht zum Bewohnen», erklärt er, «viele stehen leer. Das Stadtbild ist eine gebaute urbane Utopie der Moderne.»
Fantasmen locken Geld. Und Fotoreporter, die den Blick auf das Leben am Golf wiedergeben. Joye, vom Erhabenen der Romantik, von Dokufiction in Literatur und Film beeinflusst, zeigt weder die Bewohner der Privatinseln noch Touristen, Scheichs oder den uniformierten «Staff», schlecht bezahlte Arbeiter aus Asien. Seine Fotos schauen nicht hinter die Kulissen, sie verstärken sie. Sie wirken - anders als viele Architekturaufnahmen - wie eine Fata Morgana. Wie eine Luftspiegelung lenken sie den Blick auf Wünsche, Fantasmen und Begierden, die Bilder unwiderstehlich machen. «Der Bezug zwischen dokumentarischen und synthetischen Fotos, die aus verschiedenen Elementen eine neue Realität zusammensetzen, interessiert mich. Ich wollte etwas Universelles erfassen: die Rolle des fotografischen Bildes bei der Konstruktion von Realität.» Das ist, mit einer Mittelformat-Analog-Kamera und zielsicherer Auswahl der Bildausschnitte, gelungen. Aktuell arbeitet Joye daran, wie Industrie und Gesellschaft die Nutztiere von morgen entwerfen. Kuratorin: Katri Burri.

Bis: 23.08.2013



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Ausgabe 7/8  2013
Ausstellungen Florian Joye [04.07.13-23.08.13]
Institutionen COALMINE Forum für Dokumentarfotografie [Winterthur/Schweiz]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Florian Joye
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