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7/8.2013




Winterthur : Giuseppe Penone


von: Ines Goldbach

  
links: Giuseppe Penone · Albero di 4 metri, 1974, (Ausschnitt), Tannenholz ©ProLitteris
rechts: Giuseppe Penone · Ausstellungsansicht, 2013 ©ProLitteris. Foto: Serge Hasenböhler


Bäume berühren, die Berührung im veränderten Wachstum des Baumes aufzeigen, den Duft von Lorbeer einatmen, den ausgehauchten Atem in eine Form bringen: Giuseppe Penone (*1947) zeigt auf poetische Weise, wie Gesten und Handlungen auch Skulptur werden können. Nun ist ihm eine Schau gewidmet, an deren Beginn und Ende eine Arbeit steht, die er 1971 realisierte und die programmatisch für sein Schaffen ist: Die Fotografie zeigt den Künstler mit verspiegelten Kontaktlinsen, die keinen Blick nach aussen zulassen, wohl aber die Welt um ihn herum in seinen Augen reflektieren. Die stete Interaktion mit seiner Umgebung ist es denn auch, was den im südlichen Piemont geborenen Künstler seit Anbeginn auszeichnet und interessiert. Früh liess er das Atelier hinter sich, ging in die umliegenden Wälder von Turin und begann dort seinen Dialog von Mensch und Natur. Bis heute ist ihm die Natur Werkstatt und Atelier für sein künstlerisches Schaffen geblieben.
In einem seiner bekanntesten Werke von 1969 schälte er aus einem industriell zugesägten Holzbalken den innen liegenden Baum heraus. Schicht um Schicht befreite er ihn aus seiner anfänglich kubischen Form, bis er wieder sein Stadium als junger Baum mit feinem Geäst zurückerhielt. Diese Arbeit, der noch eine Reihe von grossen und kleinen «Freilegungen» folgte, und von der ein Beispiel in Winterthur zu sehen ist, lässt Penones Wunsch nachspüren, einen ganzen Wald sinnbildlich wiederherzustellen - und damit Natur wieder entstehen zu lassen.
Faszinierend auch sind seine Aktionen, bei denen er Spuren und Abdrücke seines Körpers in der Natur hinterliess. So umfasste Penone mit seiner Hand einen schlanken Baumstamm, goss seine Hand in Bronze und montierte sie an der gleichen Stelle wieder an der Baumrinde. Danach verfolgte er über lange Zeit, wie sich das Wachstum des Baumes um diesen Fremdkörper arrangierte. Viele dieser poetischen Eingriffe sind in der Ausstellung mit Werken, Fotografien und Zeichnungen zu sehen. Sie machen deutlich, wie stark Penone in seinen Werken den Ablauf von Zeit registriert.
Sicher haben die jüngsten grossen Auftritte des Künstlers auf der Documenta, der Biennale oder - zeitgleich mit der Winterthurer Schau - im Park von Versailles dazu beigetragen, dass er nicht mehr nur ausschliesslich unter dem Arte Povera-Label wahrgenommen wird. Zu eigenständig hat er sein Werk entwickelt, ein Werk im steten Dialog mit der Natur. Erst der unmittelbare Kontakt mit der Natur, etwa durch eine Berührung ermögliche es, so Penone, ein richtiges Verständnis von Realität zu erlangen. Denn es sind eben diese Gesten und Handlungen, die - als gespeicherte Erinnerung - Spuren hinterlassen und auch die eigene Existenz dadurch besiegeln.

Bis: 11.08.2013



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Ausgabe 7/8  2013
Ausstellungen Giuseppe Penone [27.04.13-11.08.13]
Institutionen Kunst Museum Winterthur [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Ines Goldbach
Künstler/in Giuseppe Penone
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