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Hinweis
7/8.2013




Zürich : Gitte Schäfer


von: Markus Stegmann

  
links: Gitte Schäfer · Sogno, 2013, Metall, Holz, Leder, 109x210x26 cm
rechts: Gitte Schäfer · Chute Douce, 2013, Metall, 169x97x6 cm


Gitte Schäfer (*1972, Stuttgart) zeigt neue Objekte, die - aus Objets trouvés zusammengesetzt - in der Tradition des Surrealismus unterschiedliche Bedeutungsebenen aufweisen. Schlafwandlerisch driften die Arbeiten in die Vergangenheit und spüren verschüttete Schichten des kollektiven Gedächtnisses auf.
‹Sogno› führt eine blecherne Wanne, reichlich verrostet, eine Fechtmaske, einen Wurzelstock und eine silberne Schale zusammen. Die fortgeschrittene Korrosion drückt auf die vor langer Zeit mit groben Pinselstrichen bemalte Wanne durch. Verfremdetes Diorama, magische Arena, somnambule Bühne? Oder Relikte eines Traumes, worauf der Titel deutet? Der Fächer möglicher Bedeutungen und Verknüpfungen ist weit geöffnet, die einfache wie präzise Setzung der Fundstücke sowie deren Lebensspuren verleihen dem Ensemble eine geheimnisvolle Energie. Das gilt auch für das zweite, grössere Objekt der Ausstellung, ‹Chute Douce›: Ein Wellblech hängt an einer dünnen Stange und wird so zum Vorhang. Nicht zu irgendeinem Vorhang - die dunkelroten, stark verwitterten Farbspuren erwecken die Vorstellung eines Theatervorhangs. Eindrucksvoll die Simplizität und Präzision dieser Arbeit. Mit viel weniger kann man ein altes Wellblech wortwörtlich kaum auf die Bühne bringen.
Den grösseren Teil der Ausstellung bilden kleinformatige Objektkästen, die mit alten Bilderrahmen gefasst sind und somit den Inhalt als kostbar auszeichnen. Verschiedene Fundstücke, zu kleinen Gruppierungen zusammengesetzt, führen zu unterschiedlichen Lesarten. Der aus diversen Flötenteilen bestehende ‹Flötenwald› erinnert an die Freuden und Leiden kindlichen Flötenspiels und errichtet ihm ein schillerndes Denkmal. Über einer kleinen Steinbüste schwebt an einem goldenen Himmel ein Kristall, ‹Eremitin›: Mineralisiertes Gewölk, versteinerter Ausdruck des Denkens, eine Arbeit, die in ihrer Stille und Konzentration an Ikonen erinnert. Allerdings weist die Mehrzahl der Objektkästen eine grosse Nähe zu Meret Oppenheim, Max Ernst oder Joseph Cornell auf. Natürlich kann es reizvoll sein, die Kunstgeschichte auszuloten und neu zu überprüfen. Auch muss das «Rad» nicht jeden Tag neu erfunden werden. Allerdings stellt sich die Frage nach dem Mass individueller Transformation und nach der gegenwärtigen Wahrnehmung. Eine prinzipiell nicht uninteressante Fragestellung, eine Gratwanderung, doch bei zu grosser Nähe zu bekannten Positionen verdünnt sich die persönliche Sichtweise bedenklich, zumal wenn es sich dabei um traditionell vielbegangene Wege handelt. Dass es Schäfer gelingt, mit wenigen Mitteln verschüttete Schichten des kollektiven Gedächtnisses eigenständig aufzuspüren, zeigen ‹Sogno› und ‹Chute Douce›.

Bis: 13.07.2013



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Ausgabe 7/8  2013
Ausstellungen Gitte Schäfer [24.05.13-13.07.13]
Institutionen Lullin + Ferrari [Zürich/Schweiz]
Autor/in Markus Stegmann
Künstler/in Gitte Schäfer
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