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Fokus
9.2013


 Hinterlistig nutzt Maurizio Cattelan die Mittel der Kunst und verblüfft das Publikum. Doch auf die Bedeutung seiner Werke setzen, möchte man nicht so recht, spielt er doch gerade mit den Erwartungen des Publikums. Vor einem Jahr hat sich Maurizio Cattelan zur Ruhe gesetzt. Nun ist er mit einem Projekt in der Fondation Beyeler zurück.


Cattelan - Ein Künstler geht in Frührente


von: Pablo Müller

  
Maurizio Cattelan · Kaputt, 2013, Ausstellungsansicht Fondation Beyeler, Auflage von 3 Exemplaren sowie 2 Epreuves d'Artiste von Untitled, 2007, Präparierte Pferde ©ProLitteris. Foto: Serge Hasenböhler


An seiner Einzelausstellung ‹All›, 2011/12 im New Yorker Guggenheim Museum, verkündete Maurizio Cattelan in Pension zu gehen. Ab dem 4. November 2011, dem Tag der Eröffnung seiner Retrospektive im Guggenheim, mache er keine Kunst mehr. Das ‹Cattelan Archive› übernehme zukünftig alle Aktivitäten. Er selbst werde jedoch nicht mehr direkt involviert sein. War diese Ankündigung, wie von vielen vermutet, nur ein PR-Trick? Oder hängt der 1960 in Padua geborene Italiener die Kunst tatsächlich an den Nagel? Ein Künstler, der wie ein gewöhnlicher Angestellter in Pension geht, ist unvorstellbar, weil viel zu unglamourös für diesen Berufsstand. Entsteht doch die Kunst aus einer inneren Notwendigkeit und lässt sich nicht in einem «nine to five job» realisieren. Ein Ausstieg kann folgerichtig nur mit einer Krise verbunden sein und muss in einem dramatischen Ende münden - Einsamkeit, Armut und im besten Fall Tod. Erst dieses endgültige Ende sichert einen Wiederaufstieg in Ruhm. Klar ist, mit diesem letzten Streich schlägt Cattelan seinem Publikum wieder Mal ein Schnippchen.

Erwartungen des Publikums
Auch in der Fondation Beyeler spielt der Künstler mit den Erwartungen des Publikums. Als Ausstellung angekündigt und wie die aktuell laufende, umfassende Retrospektive von Max Ernst breit mit Plakaten und auf der Webseite beworben, ist die Suche nach Cattelan in den Räumen der Fondation eine gezielte Enttäuschung. Lediglich einen Raum belegt der Künstler und zu sehen ist nur ein Werk. Die Installation ‹Kaputt› besteht aus fünf ausgestopften Pferdekörpern. Die Köpfe sind in der Wand verschwunden und die massigen Leiber hängen, einzig gestützt an den Knien der Vorderbeine, von der Wand. Sonst ist der Raum leer.
Der angekündigte Ausstieg aus der Kunst ist typisch für Cattelans Doppelspiel. Es kommt wie ein Witz daher und betrifft doch ein grundlegendes Dilemma vieler Künstler auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Die Frage nämlich, wie es nach der gros-sen Rückschau weitergehen soll. So weitermachen, wie bis anhin, also neue Arbeiten im bestehenden Stil realisieren und damit deren Wiedererkennbarkeit sichern? Oder sich vielleicht besser neu erfinden, also gerade gegenläufig zu den Erwartungen des Publikums einen Weg suchen und dabei Gefahr laufen, ins Abseits zu geraten? Der Erfolgsdruck ist enorm.
Die Installation in der Fondation Beyeler gibt vielleicht einen Vorgeschmack, wie Cattelan seine Rentenzeit verbringen wird. Die fünf Pferdeleiber, gereiht wie eine Minimal-Skulptur, sind eine neue und gleichzeitig eine alte Arbeit. Die Tiere, die vorher einzeln in derselben Pose in Galerien und Museen zu sehen waren und von denen drei bereits in Privatbesitz sind, hat Cattelan für die Präsentation in Basel nun als Gruppe versammelt. Die Absurdität dieser skulpturalen Tierdarstellung wird mit der Reihung ins Groteske gesteigert.
Wie der als Besucherinformation aufliegende Text des Kurators Francesco Bonami erläutert, verweist der Titel der Arbeit auf den gleichnamigen Roman von Curzio Malaparte. Im ersten Teil des Romans, betitelt mit ‹Pferde›, zeichnet Malaparte eine grausige Szene. Während des Zweiten Weltkriegs dienten die im zugefrorenen finnischen Ladogasee steckenden Pferde den Soldaten als Hocker. Die Geschichte verleiht der Installation etwas Abgründiges. Im Vergleich zu Jannis Kounellis, der 1969 lebende Pferde in der Galleria l'Attico präsentierte und so das Leben in die Kunst holen wollte, sind Cattelans Pferde dem Tode, dem endgültigen Ende, gewidmet.

Die Kunst auslagern
Cattelan legt in seiner Kunst selten selbst Hand an. Kunst machen ist für ihn vor allem eine organisatorische Leistung. Um Kunst zu machen, braucht es eine gute oder auch weniger gute Idee, kommunikative Fähigkeiten, logistisches Geschick und ein paar Kollaborateure. Seine Werke stellen fachkundige Handwerker her, Interviews gibt er praktisch keine und zu den Eröffnungen schickt er Freunde, die an seiner Stelle Auskunft über sein Werk geben. In der Fondation Beyeler vertrat ihn Francesco Bonami an der Pressekonferenz. Der Künstler wird so zum Dirigenten verschiedenster Aktivitäten, die irgendwo zwischen Kunst und Institution angesiedelt sind. So ist das von Maurizio Cattelan gemeinsam mit dem Modefotografen Pierpaolo Ferrari seit 2010 herausgegebene Do-it-yourself-Magazin ‹Toiletpaper› mehr Kunst als Magazin und die 2002 mit Massimiliano Gioni und Ali Subotnick gegründete Wrong Gallery wird zu einem institutionskritischen Kommentar. Auch die Anfang 2012 in New York eröffnete Galerie Family Business, die in direkter Nachbarschaft zur Galerie Gago-sian eine experimentelle Kunstplattform bietet, steht unter Kunstverdacht.
Ob Cattelan nun bei der Umsetzung der Arbeit in der Fondation Beyeler involviert war oder tatsächlich die Autorisierung dem ominösen ‹Cattelan Archive› übertragen hat, ist nicht klar. Doch weist die Installation womöglich auf das zukünftige Vorgehen des Künstlers voraus. Nämlich keine eigentlich neuen Arbeiten mehr zu produzieren, sondern stattdessen den bestehenden Werkcorpus in neuen Kombinationen und Reinszenierungen produktiv zu nutzen. Mit diesem Rückbezug auf das eigene Werk gelingt es Maurizio Cattelan geschickt, seine Kunst am Leben zu halten und so dem eignen, endgültigen Verschwinden zu entgehen.
Pablo Müller, freier Kunstkritiker, lebt in Zürich. pablomueller@gmx.net


Bis: 06.10.2013



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Ausgabe 9  2013
Ausstellungen Maurizio Cattelan [08.06.13-06.10.13]
Institutionen Fondation Beyeler [Basel/Riehen/Schweiz]
Autor/in Pablo Müller
Künstler/in Maurizio Cattelan
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