Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Fokus
9.2013


 Shigeru Ban hat für das Museum Rietberg einen Pavillon erstellt, dessen Säulen aus Karton gefertigt sind. Der Einsatz von solch unkonventionellen Materialien hat den japanischen Architekten bekannt gemacht, und bald wurde seinen Gebäuden das Attribut «nachhaltig» verliehen. Doch wie stellt sich Ban zu dieser Bezeichnung?


Shigeru Ban - Am schönsten ist es im Zwischenbereich


von: Linda Schädler

  
Sommerpavillon Museum Rietberg, Zürich, 2013. Foto: Didier Boy de la Tour


Schädler: Sie haben für das Museum Rietberg einen temporären Pavillon an die Villa Wesendonck angebaut - an ein Gebäude, das auf der gegenüberliegenden Seite den Zugang zur Museumsammlung gewährt. Inwieweit haben die Kunstwerke Ihr Konzept geprägt?

Ban: Ich bin bei meinem Konzept nicht von der Sammlung ausgegangen, da es sich beim Pavillon um einen Raum handelt, der unabhängig davon für Performances und Konzerte oder auch als Café genutzt wird. Referenzpunkt war einzig das historische Gebäude. Ich habe beispielsweise die Säulenreihen der bestehenden Villa fortgeführt und zwei weitere Reihen geschaffen, für die ich jedoch mit Karton ein unkonventionelles Material verwendet habe.

Schädler: Überhaupt haben Sie in Ihrem Pavillon ganz unterschiedliche Baumaterialien miteinander kombiniert: Träger aus Carbon, aufklappbare Fenster aus Polycarbonat und Säulen aus Karton. Wie wählen Sie Ihre Werkstoffe aus?

Ban: Ich gehe stets von den gestellten Anforderungen aus, die ich mit meinen Bauten zu erfüllen habe. So hatte ich zu berücksichtigen, dass die Materialien des Pavillons nach drei Monaten abgebaut, gelagert und im nächsten Sommer wieder aufgebaut werden. Alles muss ohne grossen Arbeitsaufwand vonstatten gehen und soll möglichst wenig Lagerplatz benötigen. Daher hat die Hälfte der - übrigens sehr leichten - Kartonsäulen einen kleineren Radius, sodass die Röhren nach Abbau platzsparend ineinander geschoben werden können. Und ebenso bestehen die Träger aus Carbon, weil dieses Material ebenfalls ein geringes Gewicht hat und leicht zu transportieren ist. Ausserdem ist Carbon bislang noch nie in der Architektur verwendet worden. Es geht mir auch darum, einen neuen Baustoff auszuprobieren und damit vielleicht eine neue Entwicklung anzustossen.

Schädler: Gerade im Bereich von Museumsbauten ist die Frage nach der formalen Durchgestaltung und dem Zweck eines Gebäudes immer wieder Thema. Sie haben unter anderem 2010 das Centre Pompidou in Metz gebaut, das eine auffällige Dachkonstruktion besitzt. Inwieweit soll Ihrer Meinung nach die Architektur sich zurücknehmen und zu einer Hülle für die Kunst werden?

Zwei gegensätzliche Bewegungen

Ban: Als ich das Centre Pompidou entwarf, gab es zwei wichtige und zugleich völlig entgegengesetzte Bewegungen. Eine davon ist der Bilbao-Effekt: Eine mittelgrosse Stadt möchte einen ikonischen Bau, der Touristen anzieht. Doch wie ich höre, beklagen sich viele Museumsleute und Kunstschaffende in Bilbao darüber, dass die Raumeinteilung unpraktisch ist. Eine andere Bewegung favorisierte bestehende Industrie-Gebäude, die renoviert und als Museum umgenutzt wurden wie bei der Tate Modern. Vertreter dieser Bewegung finden es besser, von einem bestehenden Gebäude auszugehen, da die Architekten sonst eine ganz eigene Bau-Skulptur schaffen würden. Ich fand es schade, eine dieser beiden Bewegungen wählen zu müssen und entschied mich für eine Architektur, die sowohl interessant als auch sehr praktisch ist. Das Centre Pompidou Metz ist das Resultat dieser Überlegungen.

Schädler: Bei diesem Gebäude mit den Panoramafenstern wie auch bei Ihren übrigen Bauten fällt Ihr spezifischer Umgang mit Raum und mit dem oftmals ­fliessenden Übergang von innen und aussen auf. Glauben Sie, dass es in Bezug auf die Vorstellung von Privatheit einen Unterschied zwischen Japan und Europa gibt?

Ban: Nein, eigentlich nicht. Generell stelle ich fest, dass die Leute sehr gerne in einem Zwischenbereich sitzen, in dem sie nicht völlig von der äusseren Welt abgeschottet sind - ungeachtet ihrer Kultur. Auch der Rietberg-Pavillon ist am schönsten, wenn die grossen Fenster geöffnet sind. Sogar im Tamedia-Gebäude, das derzeit in Zürich gebaut wird, habe ich Zwischenzonen eingeplant, die sich nach aussen hin öffnen.

Schädler: Insbesondere die Verwendung von rezykliertem Material wie Container, Stroh oder Kartonröhren hat Ihnen den Ruf eingebracht, für eine Architektur der Nachhaltigkeit einzustehen.

Ein Gebäude muss Sinn machen

Ban: Am Thema der Nachhaltigkeit bin ich nicht so sehr interessiert. Inzwischen ist es Mode geworden, von Nachhaltigkeit und Ökologie zu reden, ohne dass definiert wird, was diese Begriffe ganz eigentlich meinen. Als ich im Jahre 1986 anfing, mit rezykliertem Material zu arbeiten, hat niemand von Nachhaltigkeit gesprochen. Und ich habe auch nicht deswegen damit begonnen, sondern weil ich mit einem neuen Material arbeiten wollte. Ich war an einem billigen und alltäglichen Werkstoff interessiert. Die Mode und die Bewegung der Nachhaltigkeit und der Ökologie kamen erst viel später, doch so wurde ich - zufällig - zu einem Umweltschützer. Aufgrund dieser Nachhaltigkeits-Debatte ist es inzwischen allerdings einfacher geworden, Auftraggeber von neuen und unkonventionellen Lösungen zu überzeugen.

Schädler: Glauben Sie, dass der Wert von einfachen Materialien sich zumindest verändert hat, seit Sie so unkonventionelle Baustoffe wie Karton, Alteisen und Elemente wie Frachtcontainer in die Architektur eingeführt haben? Oder anders ausgedrückt: Würden Sie sagen, dass Sie eine neue Ästhetik etabliert haben?

Ban: Ich glaube, dass Architekten und Designer durch meine Arbeit angefangen haben, alltägliche Materialien zu schätzen. Für mich persönlich ist Design und Architektur immer ein Resultat von Problemlösungen, denn als Erstes werde ich mit der Lösung eines Problems beauftragt. Ich designe keine Erscheinungsformen, vielmehr ergibt sich das Design aus den Problemlösungen. Schönheit ist sehr subjektiv, daher muss ein Gebäude immer auch Sinn machen, um die Leute zu überzeugen.
Linda Schädler, Kunsthistorikerin, freie Autorin und Lehrbeauftragte Zürich. linda_schaedler@meiler.ch


Bis: 07.09.2013



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 9  2013
Autor/in Linda Schädler
Künstler/in Shigeru Ban
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=1308161328002AB-3
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.