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Fokus
9.2013


 Beim Durchstöbern der Fotosammlung des Schweizer Nationalmuseums stiessen Stefan Zweifel und ich auf dieses Foto von 1917. Es ist das Porträt eines etwa sechs Jahre alten Mädchens, das die Augen schliesst. Es lächelt, schaut in sich hinein und sieht dort etwas, was wir nicht sehen.


Ansichten – «Findet mich das Glück?


von: Juri Steiner

  
Adolf Geiger · ohne Titel, 1917, Schweizer Nationalmuseum (LM 100794.129)


Nicht ganz klar wird, ob die Sonne oder Kunstlicht dieses Kindergesicht zum Leuchten bringt. Aber was wir von den 286 sorgfältig in ein Fotoalbum geklebten Aufnahmen, zu denen das Foto gehört, wissen, ist, dass sie von einem jungen Mann namens Adolf Geiger (1895-1978) stammen, der in den Zehnerjahren des letzten Jahrhunderts in einem Basler Fotogeschäft arbeitete, sich in seinem sehr bescheidenen Zimmer eine Dunkelkammer eingerichtet und unglaublich munter, geradezu sorglos frisch drauflos fotografiert hat. Dieser Fotograf zeigt die Welt von seinem kleinen Dachbalkon aus. Er dokumentiert Spaziergänge mit Hund, ein stürzendes Pferd. Sogar mit dem Selbstauslöser hat er herumexperimentiert: tänzelnd, darum etwas unscharf. Er ist ein mit der Technik spielender «Gehülfe» voll zündelnder Freude an seinem «neuen» Medium. Und die Menschen auf seinen Bildern wirken selbst wie angesteckt vom frischen, unkomplizierten Blick dieses Komplizen hinter der Kamera.
Das kleine Mädchen mit Arbeitsschürze und Masche im Haar lächelt aus dem Album heraus. Es lächelt so modern, als sei es Fischli-Weiss' Fragetopf entsprungen, als wüsste es die Antwort auf: «Findet mich das Glück?». Zwölf Jahre bevor sich die Herren Surrealisten 1929 zu sechzehnt mit gesenkten Lidern um einen von Magritte gemalten nackten Frauenkörper herumdrapieren, schliesst dieses Mädchen ganz einfach die Augen und beginnt vor unserem Blick ein- und abzutauchen in eine andere Welt, weit weg vom Ersten Weltkrieg, weg vom Apparat, weg von jeder Attitüde. Es ist in seinem Traum, es ist da und weg zugleich, es ist damals wie jetzt. In diesem träumerischen Un-Augenblick öffnet sich die ganze Integrität seiner Psyche. Es lässt los. Diese kleine «Alice» in ihrem Wunderland wird mysteriös. Ihr Antlitz spiegelt das geheimnisvolle Gefühl, wenn man in der Introspektion die Quelle von Inspiration und Kreation erhascht.
Das Foto ist das Gemeinschaftswerk eines Kinds und eines dilettierenden Fotografen, entstanden in der kulturellen Provinz an einem Freitag im Februar 1917. Die beiden sind nicht Nadja, nicht Meret Oppenheim. Sie sind nicht Brassaï und nicht Boiffard. Sie sind zwei Naive, bereit für eine freie Existenz vor ihrer Zeit. Zwei Menschen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, so frei, wie man damals nur frei sein hat können. Genau das bringt dieser glückliche Moment, seit er vor bald hundert Jahren festgehalten wurde, für mich zum Ausdruck.
Juri Steiner ist freier Kurator und kümmert sich u.a. um das Dada-Jubiläum 2016. juristeiner@bluewin.ch



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Ausgabe 9  2013
Autor/in Juri Steiner
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