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Artists in Residence
9.2013


 Die 1980 gegründete Dr. René und Renia Schlesinger Stiftung stellt internationalen Kunstschaffenden aller Richtungen das idyllisch gelegene Atelierhaus ‹Birli› , ein geräumiges Bauernhaus ohne Atelier in der Nähe des appenzellischen Dorfes Wald, für ein Jahr oder kürzer zur Verfügung. An diesem abgelegenen Rückzugsort werden Projekte erarbeitet und nach Möglichkeit realisiert. Das Atelierhaus soll während der Dauer des Aufenthalts hin und wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Von Mai bis Oktober 2013 sind acht Künstler zu Gast: Aurelio Kopainig (CH), Julia Mensch (AR) und die Künstlergruppe Palatti mit Mirya Gerardu (D/NL), Betty Ras (NL) und Paul Steenberghe (NL) sowie als visiting artists Mako Ishizuka (JP), Nicolas Novali (AR) und Chih Ying (Taiwan).


Aurelio Kopaining, Julia Mensch, Palatti und Gäste - Mit Vleckie und Speckie im Birli


  
Betty Ras, Musquiqui Chihying, Paul Steenberghe, Nicolas Novali, Aurelio Kopainig, Mako Ishizuka, Julia Mensch (v.l.n.r.) mit Vleckie und Speckie vor dem Atelierhaus in Wald, 2013. Foto: Cat Tuong Nguyen


Das Projekt ‹Birli› wird von Aurelio Kopainig organisiert, der in Berlin lebt, aber in Gais aufgewachsen ist, und die Künstler hierher eingeladen hat. Aktueller Anlass ist das Jubiläum ‹AR-AI 500›. Dieses Jahr feiern die beiden Kantone Appenzell Innerrhoden und Appenzell Ausserrhoden «500 Jahre in der Eidgenossenschaft». In diesem Rahmen findet das Kulturprojekt ‹Ledi - Die Wanderbühne› statt. Es handelt sich um eine von Architekt Ueli Frischknecht gebaute Bühne, die eine Sefar-Bar und einen Kiosk mit sich führt und eine reiche Fülle von Events bereithält. Die Ledi ist seit Mai auf Tournee und macht Station in Herisau, Appenzell, Urnäsch, Gais, Teufen und Oberegg. Hier präsentiert das nomadisch agierende Künstlerkollektiv Palatti eine Wunderkammer, den ‹Palatti-Schopf›. Das informelle Netzwerk bildender Künstler/innen, die in unterschiedlichen Medien tätig sind, recherchiert und sammelt jeweils vor Ort und erarbeitet so situationsbezogene Ausstellungen. Frühere Projekte fanden etwa in China, Argentinien und Kosowo statt.
Für den nun geplanten Auftritt realisieren einzelne weitere Kunstschaffende eigene Anlässe, so die Installationskünstlerin Julia Mensch, die sich schon einige Jahre mit Appenzeller Traditionen beschäftigt. Diesmal lädt sie Appenzellerinnen zu Kaffee und Kuchen auf die Wanderbühne ein, um gemeinsam über das Appenzeller Frauenstimmrecht zu reflektieren und Möglichkeiten zur Veränderung wahrzunehmen. Sie interviewt Leute, sammelt Geschichten, besucht Orte und notiert dabei ihre Erfahrungen. So schält sich die Form ihrer das Projekt abschliessenden künstlerischen Arbeit heraus.
Beim Besuch in flirrender Sommerhitze in Birli - in einer Postkartenlandschaft! - wird man herzlich empfangen. Der Gemüsegarten, den Aurelio Kopainig angelegt hat, steht ganz im Rahmen seiner langen Beschäftigung mit Wachstumsprozessen, mit Umbrüchen im Umgang mit Nutzpflanzen im neuen biotechnischen Zeitalter. Dieser Ort ist für ihn auch eine Rückkehr in die Zeit seiner Kindheit. Bewusst nutzt er die landwirtschaftliche Umgebung und Abgeschiedenheit dazu, mehr Zeit mit alltäglichen, lebenserhaltenden Dingen verbringen zu können - das Internet hingegen öfters beiseite zu lassen.
Hinter dem Haus springen zwei rosa Ferkel (Vleckie und Speckie!) zurzeit noch vergnügt umher. Diese wird Paul Steenberghe im ländlichen Kontext viermal versteigern. Die acht neuen Besitzer müssen dann jeweils eine Lösung finden, was sie mit den Schweinen tun wollen.
So versuchen die Künstler auf unterschiedlichen Ebenen mit den Nachbarn ins Gespräch zu kommen. Sie holen bei diesen auch Milch und Eier für den täglichen Gebrauch und erhalten dabei, ganz beiläufig, wertvolle Hinweise für ihr aktuelles Kunstschaffen. Die Resonanz auf die Künstler sei durchwegs positiv, die lokale Bevölkerung sei sehr interessiert und freundlich.
Der abgelegene Ort erschwert es etwas, an gewisse Materialien zu kommen, bemerkt die Installationskünstlerin Mako Ishizuka. Sie lebt in Paris und nimmt hier auf der Suche nach lokalen Spezialitäten und Ähnlichkeiten zu ihrem eigenen Hintergrund auf langen Spaziergängen die Appenzeller Umgebung auf. Auch die Fotografin Betty Ras ist oft draussen unterwegs, sammelt Steine und Bergbücher für Objekte. Daneben bäckt sie für alle Brot und alle backen mit.
Das Landleben animiert zu neuen Routinen, was auch Julia Mensch, die erstmals auf dem Land lebt, positiv erlebt. Nicolas Novali, der Eier von gescheckten Hühnern, genauer von ‹Appenzeller Spitzhauben›, mit Zeichnungen versieht und anschliessend im Dachgeschoss unter einer Wärmelampe ausbrüten lässt, staunt über die hügelige Landschaft im Gegensatz zur argentinischen Pampa. Mirya Gerardu, die Objekte aus Schlesingers Volkskunstsammlung mit in ihre Arbeit einbeziehen möchte und die Schopf-Ausstellung co-kuratiert, weist auf das andere Kunstpublikum in Birli hin. Es sind nicht die art people, die man sonst an Kunstevents trifft, und entsprechend sind es auch andere Themen, die gemeinsam diskutiert werden. Die Kunstschaffenden finden sich einmal täglich zum gemeinsamen Essen ein (die Reste sind für Vleckie und Speckie). Im Gegensatz zu bisherigen Projekten wohnen alle im gleichen Haus, was wie von selbst zu einem intensiveren Austausch führt. Die Palatti-Gruppe organisiert Lesungen und ab und zu ein Open House und regt so Begegnungen mit anderen Kunstschaffenden und weiteren Gästen an. Zudem besuchten sie kulturelle Institutionen wie das Zeughaus Teufen, das Grubenmann Museum, das Sitterwerk, aber auch eine Appenzeller Käserei.

Bis: 22.09.2013


Atelierhaus der René und Reina Schlesinger Stiftung, Birli/Wald
Künstlergruppe Palatti, Ausstellung, Wanderbühne Ledi, Kirchenplatz Oberegg, 20.9.-6.10.; Palatti-Tag mit Sonderprogramm, am 22.9., ab 12 Uhr.
www.schlesingerstiftung.ch
www.arai500.ch/ledi
Dieser Beitrag erscheint mit Unterstützung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, Schwerpunkt Schweizer Übersetzungsförderung ‹Moving Words›.
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Ausgabe 9  2013
Autor/in Madeleine Panchaud de Bottens
Künstler/in Aurelio Kopaining
Künstler/in Julia Mensch
Künstler/in Palatti
Künstler/in Mako Ishizuka
Künstler/in Nicolas Novali
Künstler/in Chih Ying
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