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Besprechung
9.2013


Roberta, De Righi :  Kleine Stachel im Fleisch einer wohlgenährten Metropole: ‹Hoffentlich öffentlich/A Space Called Public›, das von Michael Elmgreen & Ingar Dragset kuratierte, 1,2 Millionen € teure Kunst-Projekt für München sorgte mit 17 Einzelwerken und Performances in der Innenstadt für manche Irritation.


München : ‹A Space Called Public› - Kleine Spektakel


  
links: Tatjana Trouvé · Waterfall, 2013, tropfende Bronze-Matratze am Eingang zum Alten Südfriedhof ©ProLitteris
rechts: Martin Kippenberger · Metro-Net, 2013, posthum realisiertes Bauvorhaben auf dem Münchner Marien­hof


Alles, nur «keine Spektakel» hatten Elmgreen & Dragset bei ihrer Konzeption im Sinn. Gelungen ist ihnen eine nicht durchwegs glänzende, aber insgesamt sehr belebende Reihe von Kunstwerken im öffentlichen Raum. Für Unruhe sorgte anfangs die Performance am Odeonsplatz, Schauplatz des Hitler-Putsches von 1923, die täglich um 12 Uhr mittags stattfindet. Ein Mann mit Flüstertüte huscht über den Platz und ruft: «Es ist nie zu spät, sich zu entschuldigen». Und obwohl der Adressat offen bleibt, biss sich der öffentliche Empörungs-Reflex sofort in der Verharmlosung der NS-Vergangenheit fest. Und ausgerechnet die Buddhisten brachte Han Chong mit einem umgestürzten Riesen-Buddha auf dem Viktualienmarkt gegen sich auf, auf dessen Unterseite der Schriftzug «Made in Dresden» sichtbar wird und mit dem er die Paradoxa der Globalisierung zeigen wollte. Im Sinne der Aufmerksamkeits-Ökonomie können beide Projekte als geglückt gelten, sie regten zur Diskussion an - Han Chong allerdings nicht ganz so, wie es sich die Macher gewünscht hätten.
Bestens in der öffentlichen Wahrnehmung angekommen ist auch Alexander Laners ‹Schöner Wohnen›, der umgebaute Denkmalsockel der ‹Munich 4th Plinth› am Wittelsbacherplatz. Die Mikro-Maisonette ist vollmöbliert und wird als «Luxus-Objekt in Top-Lage» tageweise vermietet. Zynisch? Ironisch? In München der ganz normale Immobilien-Wahnsinn. Sissel Tolaas wiederum fordert den Geruchssinn der Passanten heraus. Sie kreierte eine gewöhnungsbedürftige Duft-Mixtur aus drei Komponenten, typisch für München: Bier, Schweinsbraten und Parfüm, die sie in den Strassen hinter Münchens erster Wittelsbacher-Residenz, dem Alten Hof, zerstäubt.
Zwei Altmeister runden den Kreis vorwiegend junger Künstler ab: Ed Ruschas rätselhafte Botschaft ‹Pay Nothing Until April› über einem verschneiten Bergmassiv, auf einem grossen Billboard am Lenbachplatz, hallt im Stadtraum eine Weile nach. Der Anarcho-Witz von Martin Kippenbergers unsinnigem Bauvorhaben ‹Metro-Net› verpufft posthum hingegen eher lautlos in der Sommerluft am Marienhof.
Nicht nur im Sinne des Ortsbezugs (im In-Viertel) gelungen und laut Veranstalter «Publikumsliebling» - ist Tatjana Trouvés ‹Waterfall›, ein leise tröpfelnder Brunnen am Alten Südfriedhof. Eine scheinbar klatschnasse Matratze aus Bronze tropft über einer Betonbrüstung ab. Poetisch, melancholisch - letztlich auch ein beredtes Symbol für Münchens Wohnungsnot.

Bis: 09.09.2013



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Ausgabe 9  2013
Ausstellungen A Space called Public [06.08.13-09.09.13]
Institutionen Innenstadt München [München/Deutschland]
Autor/in Roberta, De Righi
Künstler/in Tatiana Trouvé
Künstler/in Martin Kippenberger
Künstler/in Alexander Laner
Künstler/in Elmgreen & Dragset
Künstler/in Ed Ruscha
Künstler/in Sissel Tolaas
Künstler/in Han Chong
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