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Besprechung
9.2013


Grit Weber :  Der Alltag stiftet das Material, mit dem die in Berlin lebende Koreanerin arbeitet. Nun zeigt Haegue Yang ihre vielfältige Spurensammlung an gleich zwei Orten in Strassburg, dem Aubette 1928 und dem Museum für moderne und zeitgenössische Kunst, und bestreitet damit ihre erste Einzelausstellung in Frankreich.


Strassburg : Haegue Yang - Auf den Leib geschneiderte Geometrie


  
links: Haegue Yang · Sonicwear - Poncho, Nickel Plated, 2013, portable Skulptur, Umhang aus Nickel mit Ringen, 60x82 cm, 8,90 kg. Courtesy Galerie Chantal Crousel, Paris. Foto: Studio Haegue Yang
rechts: Haegue Yang · Hardware Store Collages - Bauhaus Fans Ceiling Fans with Light Palma #1, 2012, Collage, Papier, Bastelzeitschriften, 51,1x71,1 cm, Courtesy Galerie Wien Lukatsch, Berlin. Foto: Mathieu Bertola


Der Ort ist historisch und modern zugleich: Der Vergnügungskomplex Aubette, der in den Zwanzigerjahren von Theo van Doesburg, Jean Arp und Sophie Taeuber-Arp gestaltet und seit den Neunzigerjahren wieder hergerichtet wurde, ist ein räumliches Gesamtkunstwerk in strenger Geometrie und Farbpalette. Doch die Arbeiten von Yang fügen sich keineswegs dieser Vorgabe, sondern antworten ihr spielerisch und erweitern den Raum um eine individuelle Setzung. Im Ciné Dancing zeigt Yang ‹Sonicwears›, eine Installation aus Ponchos und Schals mit Knöpfen, die uns auffordert, diese Textilien am Leib zu tragen. ‹Sonicwears› ist aber auch eine Reminiszenz an die dadaistischen Arbeiten von Sophie Taeuber-Arp, die als Innengestalterin und Textildesignerin erfolgreich war. Der Festsaal des Gebäudes hingegen beherbergt zwei ‹Dress Vehicles›, mobile Aufbauten aus farbigen, auf Rollen montierten Metallrahmen, die mit Wollgeflechten in Makrameetechnik verdichtet wurden, zudem mit handelsüblichen Jalousien versehen sind, die schon lange eine Art Lieblingselement in Yangs Œuvre darstellen.
Mit einer ortsbezogenen Installation aus verschiedenfarbigen Jalousien beginnt dann auch ihr eher retrospektiv angelegter Beitrag im Museum für moderne und zeitgenössische Kunst: ‹Blind Curtain - Flesh behind Tricolore› schliesst von oben den Durchgang zwischen Eingangshalle und Ausstellung und ist als abstrakte, konstruktivistische Organisation aus gängigen Alltagselementen zu betrachten. Der komplexe Titel hingegen zeigt einen weiteren, wesentlichen Aspekt, die Affinität zur Sprache, die den Skulpturen und Papierarbeiten immer noch eine neue Ebene hinzufügt und ihr Bedeutungsfeld in Richtung des gesellschaftlichen Kontexts erweitert.
Denn Yangs Werk funktioniert längst nicht allein über eine formale Auseinandersetzung mit der Welt. So thematisiert ‹Hardware Store Collages› die Vermarktung der Ideen des Bauhauses allein als Stil. Yang hat hierfür heutige Baumarkt-Kataloge gesichtet und Sanitär- und Haushaltsgegenstände zu wirbelnden Formationen gebracht. Die Ausstellung versammelt darüber hinaus die erstaunliche Bandbreite ihrer Bildwerke und Installationen. Verblüffend ist nebst der Vielfalt auch deren Kohärenz. Yangs Arbeit überzeugt insofern, als die Künstlerin die konzeptuelle Kunst der Sechziger- und Siebzigerjahre durch einen subjektiven Dreh erweitert, ironisiert und mit einem gesellschaftspolitischen Text unterlegt.

Bis: 15.09.2013



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Ausgabe 9  2013
Ausstellungen Haegue Yang [08.06.13-15.09.13]
Institutionen Musée d'art moderne et contemporain Strasbourg [Strasbourg/Frankreich]
Institutionen Aubette 1928 [Strasbourg/Frankreich]
Autor/in Grit Weber
Künstler/in Haegue Yang
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