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Besprechung
9.2013


Barbara Fässler :  Die Überschrift stand, das Konzept auch, als die konkrete Wirklichkeit die konkrete Kunst einholte und dem Ausstellungstitel ‹Hot Spot Istanbul› eine Aura von Prophetie verlieh. Istanbul, die geteilte Stadt am Bosporus, rückte durch den breiten Bürgerprotest gegen die Zerstörung des Geziparks soeben ins internationale Rampenlicht.


Zürich : Istanbul - Konkrete Wirklichkeit trifft auf konkrete Kunst


  
links: Renée Levi · BULEVISTAN, 2013, Ausstellungsansicht, Acryl auf Baumwolle, 460x1150 cm, 10-teilig
rechts: Can Altay · 2013, Rauminstallation, Ausstellungsansicht


Istanbul, dessen Brücke das Abendland mit dem Morgenland verbindet, steht im Zentrum einer Ausstellung im Haus Konstruktiv, das mit achtzig Werken von 21 Kunstschaffenden – von 1947 bis heute – erstmals in der Schweiz das Panorama der türkischen abstrakten Kunst in ihrem historischen Ausmass zeigt. In fünf kuratorischen Kapiteln kann die Entwicklung von der geometrischen Malerei der «Elterngeneration von 1914» über die mittlere Altersgruppe der Konzeptart, bis zum jüngsten performativen Ausdruck nachvollzogen werden. Das Abschiedsprojekt der Direktorin Dorothea Strauss entstand als Work in Progress nach unzähligen Reisen in die Bosporus-Metropole und vielen Gesprächen mit den Beteiligten, und es konzentriert sich auf die vermittelten Inhalte wie auch auf den Forschungsaspekt des Ausstellens.
In der Eingangshalle die «DNA» der Schau: Paradigmatische Istanbuler Positionen sind den Zürcher Konkreten Bill, Glarner, Loewensberg u.a. gegenübergestellt. Für diese dicht und unregelmässig gehängte Inszenierung hat der Künstler-Architekt Can Altay (*1975) eine begehbare Holzstruktur hergestellt, welche das Betrachten in geordnete Bahnen lenkt. Durch Treppen und oft mit Farbfiltern versetzte Öffnungen entsteht ein begehbarer, ein- und aussichtsreicher Ort der Reflexion.
In den oberen Stockwerken wird je ein Einzelwerk unter dem gemeinsamen Nenner der Dekonstruktion vertieft. Ekrem Yalçındağ (*1964) untersucht, ausgehend von Blütenstrukturen, Farb- und Formwirkung der Malerei an der Grenze zwischen östlicher Ornamentik und westlichem Jugendstil. Ebru Uygun (*1974) zerschneidet ihre lyrisch abstrakten Leinwände in Streifen, die sie, in neuer Abfolge zusammengeklebt, wieder auf Keilrahmen spannt.
Die Schweizerin türkischer Herkunft, Renée Levi (*1960), wartet mit einem gigantischen in situ-Werk auf: Unter den blau gemalten Gesten lesen wir ‹BULEVISTAN›. Aus den Lettern von Istanbul und Levi ist per Anagramm ein Phantasieland entstanden. ‹You you you›, von Erdem Taşdelen (*1985) katapultiert uns ins Heute der Selbstdarstellergeneration. Die interaktive Soundinstallation fordert das Publikum zum Tanz auf und schliesst den Kreis zu Altay’s Struktur ‹It’s Not Istanbul, It’s You›. Die Beziehung zwischen Kunstwerk, Ausstellungsdisplay und Betrachter rückt so ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

Bis: 22.09.2013



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Ausgabe 9  2013
Autor/in Barbara Fässler
Künstler/in Can Altay
Künstler/in Renée Levi
Künstler/in Erdem Taşdelen
Künstler/in Ekrem Yalçındağ
Künstler/in Ebru Uygun
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