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Besprechung
9.2013


Katharina Holderegger Rossier :  Ein Jahr schon bereichert die Fondation Speerstra die Museumslandschaft am Genfersee, mit einer feinen Sammlung von Post Graffiti Art, aber auch grossformatigen Wechselausstellungen. Die laufende vereint erstmals das ganze Spektrum des Japaners Keiichi Tanaami aus den Anfängen der Pop Art.


Apples : Keiichi Tanaami - Japanische Pop Art


  
links: Keiichi Tanaami · Killer Joe's, Fondation Speerstra, Apples, Ausstellungsansicht (auf der Leinwand ein Bild aus dem Film ‹Good Bye Elvis›, 1975, 7'05'). Foto: Annick Wetter
rechts: Keiichi Tanaami · Killer Joe's, Fondation Speerstra, Apples, Ausstellungsansicht (zur Herstellung des Films ‹Good Bye Elvis›, 1975, 7'05', verwendete Tafeln). Foto: Annick Wetter


Ein Verschnitt der Hits von Elvis Presley, durchsetzt von Rauschen und Knistern. Im Hintergrund des Bildes ein Teppich mit langen sich hin und her bewegenden Fransen, die einmal orange-rot, einmal violett-grün aufleuchten. Darüber immer wieder kurze Einblendungen schwarzweisser Pin-ups: Männer lassen ihre Muskeln spielen, Frauen bieten ihre Brüste, Hintern und Beine an. Die sich dahinter aufbauschenden Wolken verheissen indes nichts Gutes. Der Ton setzt aus. Ein drolliger Bunny steigt vom Horizont auf, fliegt wie Superman auf uns zu und verwandelt sich in ein schreckliches Monster. Der Fransenteppich gleicht plötzlich einem Flammenmeer.
Obschon es sich nur um die erste Szene des 1975 entstandenen Kurztrickfilms ‹Good Bye Elvis and USA› von Keiichi Tanaami (*1936, Tokyo) handelt, spiegelt sich in ihr die ganze Zerrissenheit des Künstlers in den späten Sechziger-, frühen Siebzigerjahren. Der Vietnamkrieg weckt in ihm traumatische Kindheitserinnerungen - an die unablässigen Angriffe seiner Heimatstadt durch die Amerikaner von 1942 bis 1945, aber auch die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki. Zugleich kann sich Tanaami dem Bann der festlichen Seite der amerikanischen Kultur nicht entziehen, so sehr er darin eine ähnlich grobschlächtige Geste gewahrt. Mit dem feinen Mittel der visuellen Ironie ringt er nach Erkenntnis über seine konfuse Situation.
Samuel Gross, Gründungsdirektor der Fondation Speerstra, ist vor sechs Jahren in der Galerie Art & Public in der ersten europäischen Ausstellung Tanaamis auf dessen Skulpturen gestossen. Zwar selbst in Japan dem breiten Publikum noch kaum bekannt, wird der Künstler in Fachkreisen als Vater der japanischen Pop Art und generöse Persönlichkeit geschätzt. Gross' jetzige Position erlaubt es ihm, dessen künstlerisches Werk nun so gründlich wie nie zuvor zu sichten. Erstmals werden die Filme mit dem dazugehörigen Bildmaterial gezeigt. Auch unter den Zeichnungen, Malereien und Collagen sind Beispiele, die das Atelier noch nie verlassen haben. Simultan wie Tanaami als Graphic Designer und Art Director - u.a. als Leiter der legendären Tokyoter Diskothek Killer Joe's - grosse Erfolge landete, entstanden diese Arbeiten im Verborgenen. Der beinahe an Outsider Art erinnernde Charakter macht denn auch den Reiz dieser noch viel zu wenig beachteten frühen Pop Art aus.

Bis: 22.09.2013



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Ausgabe 9  2013
Ausstellungen Keiichi Tanaami [08.06.13-22.09.13]
Institutionen Fondation Speerstra [Apples/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Keiichi Tanaami
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