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Besprechung
9.2013


Kristin Schmidt :  Materialien, Objekte, Situationen - Gabriel Orozco bewegt sich zwischen Zufall und Auswahl. Das Werk des Mexikaners lebt von der Unmittelbarkeit seiner künstlerischen Geste. Das Kunsthaus Bregenz zeigt eine Ausstellung mit aktuellen Werken und präsentiert ausserdem Bekanntes in abgewandelter Form.


Bregenz : Gabriel Orozco - Flusskiesel auf dem Terrazzoboden


  
links: Gabriel Orozco · Dark Wave, 2006, Kalziumkarbonat und Harz mit Graphit, 304x392x1375 cm, Ausstellungsansicht Kunsthaus Bregenz, Sammlung Essl Museum Klosterneuburg/Wien
rechts: Gabriel Orozco · 48 Gemeisselte Flusskieselsteine, 2013, alle von der Guerrero-Küste, Mexiko, Ausstellungsansicht Kunsthaus Bregenz. Fotos: Markus Tretter


Hier die Ewigkeit, da der Moment. Dort vollendetes Design, da eine zufällig beobachtete Situation. Hier das Naturobjekt, dort die von Künstlerhand geschaffene Form. Mal ist ein Werk nur im entsprechenden Kontext noch als ein solches erkennbar, mal ist es das Ergebnis eines aufwendigen und langwierigen Gestaltungsprozesses - keine von Gabriel Orozcos (*1962, Jalapa/Veracruz) Arbeiten ist wie die andere, aber jede entsteht aus dem Interesse heraus, das der in Mexiko geborene Künstler für Dinge und Erlebnisse an seinem Weg entwickelt.
So sind der auf einem Felsen liegende Hund oder der aufs polierte Klavier gehauchte Atem Momentaufnahmen, die kaum beiläufiger sein könnten und die dennoch nichts weniger als existentielle Fragen behandeln. Zugleich erkundet Orozco die Natur, die in ihr verborgene oder ihr zugrundeliegende Form, so etwa wenn er seine Hände in einen Tonklumpen drückt: ‹Meine Hände sind mein Herz›, 1991. Dieses frühe, körperliche Projekt findet in der aktuellen Ausstellung in Bregenz seine Entsprechung in Skulpturen aus immer wieder auf die Arbeitsfläche geschlagenen Terrakottaklumpen. Die Schwerkraft, die Materialeigenschaften und der körperliche Impetus des Künstlers haben sich im archaischen Material eingeschrieben.
Dennoch: In der Vielzahl der aktuellen Objekte geht die Stärke der früheren Geste etwas verloren. Aber dies ist ein grundsätzliches Problem der Bregenzer Schau: Sie setzt auf Wiederholung, um eine schlüssige Choreographie zu erreichen. So wird mit dem Walskelett ‹Dark Wave› im Erdgeschoss und dem zum schnittigen Zweisitzer verschlankten Citroën DS ‹La DS Cornaline› im obersten Stockwerk des Hauses eine ästhetische und eine inhaltliche Spange geformt. Im vom Menschen verklärten Meerestier in Originalgrösse und der aufs Wesentliche reduzierten Designikone treffen zwei Arbeiten aufeinander, die sich auf Mythen beziehen und als Werke Orozcos auch selbst bereits mythischen Charakter annehmen. Beide sind präsentiert wie ein Allerheiligstes - mit ausreichend Platz für die Aura. Diese aber lässt sich weder einem Knochenduplikat aus Kalziumkarbonat so ohne weiteres verleihen noch der eigens für Bregenz geschaffenen Neuauflage der Autoskulptur. Dass beide trotzdem beeindrucken, liegt nicht zuletzt an der Architektur des Hauses. Dessen Terrazzoboden aus poliertem Beton bietet auch den gefälligen 48 Flusskieselskulpturen das perfekte Passepartout.

Bis: 06.10.2013



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Ausgabe 9  2013
Ausstellungen Gabriel Orozco [13.07.13-06.10.13]
Institutionen Kunsthaus Bregenz [Bregenz/Österreich]
Autor/in Kristin Schmidt
Künstler/in Gabriel Orozco
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