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9.2013




Genf : Jean Otth


von: Katharina Holderegger Rossier

  
links: Jean Otth · Ausstellungsansicht Mamco Genf, 2013. Foto: Ilmari Kalkkinen
rechts: Jean Otth · Anabase 03, 2011 und Énergie sombre, 2012. Foto: Ilmari Kalkkinen


Der in Lausanne geborene und der Stadt stets treu gebliebene Jean Otth (*1940) ist seit den siebziger Jahren international als einer der Pioniere der Videokunst anerkannt - und zwar ebenso für seine Beiträge zur Theorie wie auch zur Praxis. Bereits während seines Studiums, das ihn in die kunsthistorischen und philosophischen Veranstaltungen der Universität Lausanne und parallel in die Ateliers der kantonalen Kunstschule führte, baute er eine fruchtbare Spannung zwischen diesen beiden Polen auf. Hier fand er das ihn bis heute fesselnde Thema, die Entwirrung des Denkens und des Sehens, wie dies schon Pessoa auf den Punkt gebracht hatte: «Wesentlich ist nur, sehen zu können,/sehen zu können, ohne dabei zu denken,/sehen zu können, wann immer man sieht,/und auch zu denken, wann man sieht.»
Zunächst war es vor allem die Malerei, die Otth beschäftigte. Die Initialzündung, sich als einer der ersten Schweizer mit dem Video als künstlerisches Medium zu beschäftigen, ging von der auf die Ästhetik der Massenmedien gerichteten Lehre von Professor René Berger aus, die Otth 1970 mit Experimenten unterstützte. Dies hiess indes nicht, dass er die Malerei verliess. Nicht nur kehrte er immer wieder zu dem Medium in seiner archaischen Form zurück. Auch das Video begriff er stets als Malerei, indes mit erweiterter Palette und mit der Besonderheit, dass es auf dem Bildschirm oder - projiziert - von selbst leuchtet.
Im Mamco ist nun das höchst elegante bildnerische Werk von Otth in einer grossen Retrospektive vereinigt, in der klug der jüngsten Schaffensperiode - nach der Aufgabe seiner über zwanzigjährigen weitgefächerten Lehrtätigkeit- besonderes Gewicht eingeräumt ist. Faszinierend ist, wie sich seither das Interesse des Künstlers vom Ausdruck der Bewegung auf die Erfassung der Zeit verschoben hat. In der nach einer Formulierung von Merleau-Ponty benannten Serie ‹Rêverie zénonienne›, ab 2001, die auch den Titel der Schau lieferte, hat die Mobilisierung intensiver Vibrationen der Auslotung fast unmerklicher Veränderungen Platz gemacht. Von den ersten Gemälden bis zu den letzten Videoarbeiten ist das Werk Otths jedoch von Strategie geprägt, das Bild in der Mitte permanent oder sporadisch auszulöschen oder zu überstrahlen. Ob abstrakt oder figurativ, immer hat es etwas Haltloses, das einen paradoxerweise auf die eigene Physe zurückwirft und so in der Tat einen Raum zwischen ihm und uns öffnet, der nur von einem unverstellten Blick überbrückt werden kann.

Bis: 15.09.2013


zur Vertiefung empfohlen: DVD mit Catalogue raisonné sowie zentralen Texten von und über Jean Otth, Presses du Réel, 2007



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Ausgabe 9  2013
Ausstellungen Luc Andrié, Laurence Bonvin, Gabriele di Matteo, Walter Grab, Robert Heinecken u.a. [05.06.13-15.09.13]
Institutionen Mamco Genève [Genève/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Jean Otth
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