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Fokus
10.2013


 Das Museum Langmatt in Baden heisst dieses Jahr Ursula Palla als Sommergast willkommen. In der Ausstellung ‹Die fünfte Jahreszeit› beleuchtet die Künstlerin in eindringlichen Videoarbeiten, Installationen und Objekten unseren Umgang mit der Natur. Dabei knüpft sie an die Geschichte der Villa und der haus-eigenen Kunstsammlung an und treibt so ihre künstlerischen Recherchen in einem erweiterten Kontext voran.


Ursula Palla - Lieben Roboter Blumen?


  
links: apples, 2013, Videoinstallation, Videoprojektion mit Äpfeln. Im Video wird ein Apfel von einer Fliege besucht und vom Verfall im Zeitraffer eingeholt. Über der Projektion hängt ein Apfelstillleben von Paul Cézanne an der Wand. Künstliche Äpfel liegen im Früchtekorb, echte Äpfel faulen daneben. Das Arrangement wird zu einer Art Altar, in dem sich die Besuchenden selbst spiegeln. Foto: A. Moyra
rechts: Blütenteppich, interaktive Videoinstallation, 2012, SNB Zürich, 180 Clips, je 30', Videostill. Ein im ­Boden eines Lifts eingelassener Flachbildschirm zeigt einen digitalen Blütenteppich. Beim Betreten werden die Videoclips interaktiv ausgelöst und nacheinander abgespielt. Die in den Sand gezeich­-neten Blüten und Blätter fassen alle Ornamente der Geldnoten seit 1907 zusammen. Sie verändern sich, verflüchtigen sich, um wieder neu zu entstehen.


Der Ausstellungstitel ‹Die fünfte Jahreszeit› ist einem Text von Kurt Tucholsky entnommen. Hymnisch beschreibt der Autor darin eine Periode nach dem Sommerende und vor dem Herbstanfang. Astronomisch und klimatisch undefiniert, sei diese fünfte die schönste Jahreszeit. Sie hält auf dem Höhepunkt den Atem an und der nahende Niedergang lässt sich erst erahnen - so der Dichter. In diesem heraufbeschworenen Raum befragt Ursula Palla die scheinbare Idylle der Villa Langmatt, die Anfang des 20. Jahrhunderts im Landhausstil vom Architekten Karl Moser erbaut wurde. Sie war das vornehme Domizil des aus dem industriellen Grossbürgertum stammenden Sammlerehepaars Sidney und Jenny Brown-Sulzer, Mitbegründer der Firma Brown Boveri & Cie, der heutigen ABB. Die Leidenschaft des Paars für die Bildende Kunst manifestiert sich heute in der Existenz einer Kunstsammlung, die vorwiegend aus Werken des französischen Impressionismus besteht.
Paul Cézanne ist würdig vertreten. Im Esszimmer des Wohnhauses stossen wir auf mehrere Gemälde - auch ein Apfelstillleben - und bei genauerem Hinsehen auf eine Videoprojektion über der geblümten Tapete. Man verfolgt im Zeitraffer den Fäulnisprozess eines Apfels und schaut einer Fliege zu, die auf der Frucht verharrt. Die Videoarbeit ‹apples› bildet zusammen mit einer Porzellanschale künstlicher Äpfel auf einem Tisch und einem Spiegel ein altarähnliches Arrangement. Das Publikum wird augenzwinkernd zur Huldigung aufgefordert. Nicht die malerische Auseinandersetzung der Impressionisten mit dem Lichteinfall auf einer makellosen Oberfläche interessiert die Künstlerin, sondern die Dekonstruktion dieser Stilisierung: Bei ihr dürfen Cézannes Früchte verwesen. Sie betont: «Ich möchte in dieser und anderen Arbeiten das Zerstörungsmoment, welches die konstruierte Idylle impliziert, thematisieren und gleichzeitig das Medium Video reflektieren. Die Auflösung einer Situation in einzelne Bilder und Pixel deuten die Fragilität der digitalen Welt an.»

Natürlichkeit und Künstlichkeit
Palla verbietet sich die oftmals verpönte künstlerische Beschäftigung mit Blumen nicht. Die neu geschaffene Video-Installation ‹sunflowers› im Venezianer-Raum der Villa Langmatt umkreist ein kunsthistorisches Schlüsselwerk. Auf einer Wand ist eine Schwarz-Weiss-Projektion von Sonnenblumen zu sehen. Die warme Farbgebung der Blumengemälde van Goghs fehlt, dafür werden die allmählichen Übergänge vom Erblühen bis hin zum Verwelken des Strausses deutlich. Sonnenlicht ist verantwortlich für das Gedeihen von Pflanzen. Videoprojektionen setzen normalerweise Elektrizität voraus, an deren Verbreitung die Firma BBC massgeblich beteiligt war. Solarzellen messen im Freien das Licht, und die Künstlerin nutzt dieses für die Impressionisten so wichtige Medium als alternative Energiequelle, die je nach Intensität für das Überleben der Blumen auf ihrer Projektion verantwortlich ist. So reflektiert Palla ihre Abhängigkeit von der Sonne als auch von der Technik.
In der nach englischem Vorbild gestalteten Gartenanlage der Villa können wir beobachten, wie ein programmierter Roboter das Gras schneidet, so dass ein Blumenmuster erhalten bleibt. Die Perfektion ist faszinierend und doch fragt man sich: ‹do robots like flowers›?, beziehungsweise: Sind Maschinen bessere Menschen? Die Künstlerin verwendet gerne dasselbe Motiv in Serien, erweitert in Bezug auf den örtlichen Kontext. Im Kunstmuseum Chur zeigte sie 2011 ‹do robots like flowers II›, einen kleinen Roboter, der im Endlosloop eine mit Quarzsand auf den Boden gezeichnete Blüte herausputzte. Überlegungen zum Gestus und zur Rolle der Künstlerin kamen auf, und die Frage stellte sich, wo wohl Menschlichkeit generell ihren Platz habe.

Der Preis
Natur und Technik stehen für Palla in Wechselwirkung zum Menschen. «Wir streben das Künstliche an und befinden uns somit permanent in der fünften Jahreszeit», sagt sie. Bezeichnend ist die Bespielung des leeren Kellers der Villa Langmatt mit der Videoarbeit ‹flowers 4›. In einer düsteren Atmosphäre flammen jetzt wortwörtlich farbengetränkte Videosequenzen auf, die Arbeiter in Holland beim Einfärben von weissen Blumen zeigen. Die Blumen werden zum Farbträger und dienen dem globalen Markt, Natürlichkeit weicht Künstlichkeit. Die Arbeiter zahlen einen hohen Preis, denn die Tätigkeit ist körperlich hart und sie sind dem starken synthetischen Geruch der Farben dauernd ausgesetzt.
Die Künstlerin befasst sich nicht nur mit der Ausbeutung von Menschen, sondern auch mit derjenigen von Tieren. Im Video ‹focus II› präsentierte sie einen Kauz in einem verchromten Briefkasten, dessen rechtes Auge als Goldvreneli aufblitzte und dann laut klimpernd zu Boden fiel. Hier knüpfte auch Pallas Arbeit ‹Waldlichtung› für die Lichttage in Winterthur 2010 an. Die Passanten brachten beim Betreten der Rathaushalle eine grossflächig projizierte Eule zum Verschwinden, eine symbolische Darstellung für die Beschneidung natürlicher Lebensräume von Wildtieren durch den Menschen. Nachtvögel haben fortwährend mit der Überbeleuchtung unserer Städte zu kämpfen, erklärt Palla. Sie weist der Eule in der Villa Langmatt das Badehäuschen zu - einen «Restraum», gemäss Foucault ein Ort ausserhalb des Ortes, wo Heterogenes noch einen Lebensraum hat.
Man verfolgt in der Arbeit ‹the bird› gebannt, wie sich die an einem Seil befestigte Eule zu befreien versucht und damit das Licht einer Glühbirne zum Leuchten bringt. Dass die Eule, der mythische Vogel der Weisheit, dem Geschehen noch eine zusätzliche Dimension verleiht, versteht sich von selbst. Überrascht beobachten wir, wie sie sich wendet, uns das Hinterteil entgegenstreckt und uriniert. Amüsant und erschreckend zugleich.
Der Werkprozess Pallas zeichnet sich durch fundierte, kritische Recherchen aus. Für die Schweizerische Nationalbank in Zürich hat sie 2012 eine Kunst und Bau-Installation geschaffen. Mitarbeitende generieren beim Rauf- und Runterfahren im Lift einen fliegenden ‹Blütenteppich›: Auf einem Monitor im Liftboden wachsen vor ihren Augen in den Sand gezeichnete Blütenmotive von historischen Banknoten aus dem Archiv der SNB und scheinen an Kapital zuzulegen. Ursprünglich war es ein Zerstörungsprozess von gezeichneten Sandbildern, welche die Künstlerin im Atelier aufnahm. Doch indem sie den Film rückwärts abspielt, lässt sie das Geld florieren und setzt uns einem illusionistischen Erlebnis aus.

Was ist es wert
Geld bedeutet Repräsentation, dies vermittelte Pallas multimediale Installation ‹Kronleuchter/Passage III› im Kunstprojekt ArteBregaglia 2008 in Coltura-Stampa. Im Rittersaal des Palazzos hing ein stattlicher, mit flimmernden LSD-Lämpchen bestückter Kronleuchter, der mit triefendem Karamell überzogen war - eine Metapher für die Flüchtigkeit des Reichtums des Barons del Castelmur, der sein Schloss im maurischen Stil mit der Zuckerbäckerei finanzierte. Von Zeit zu Zeit war ein hämisches Lachen zu vernehmen. Wie Kunst einem Politikum zum Opfer fallen kann, zeigt Pallas schlussendlich nicht realisiertes Siegerprojekt ‹am Berg› in Pontresina. Die Künstlerin schlug eine mit Gold überzogene künstliche Lärche im Schutzdamm Giandains vor. Der zum Schutz des Dorfes errichtete Wall steht an der Stelle eines gerodeten Lärchenwalds. Daran wollte Palla erinnern: «Meine Lärche weist darauf hin, dass durch den wirtschaftlich geprägten Umgang mit der Natur die Umwelt aus dem Gleichgewicht fällt, zur ständigen Bedrohung wird, und dass wir uns in einer paradoxen Situation wiederfinden, in die wir bauend und konservierend eingreifen müssen.»
Formale Elemente wie Materialwahl und Kameraführung richten sich bei Palla stets nach dem Inhalt. Im Museum Langmatt steht das Objekt ‹the globe› für ihre engagierte und doch offene Arbeitsweise. An einem mit billigem Kunststoffmaterial veredelten Globus sind Feldstecher angebracht, die Blicke ins Innere auf Videobilder ermöglichen und uns einladen, neuartige Perspektiven auf die Welt einzunehmen. Der Gewinn ist offensichtlich.
Ursula Meier, Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin, lebt in Zürich, ursulamei@sunrise.ch


Bis: 30.11.2013


Ursula Palla (*1961, Chur) lebt in Zürich

Einzelausstellung (Auswahl)

2008 ‹strange paradise›, Bündner Kunstmuseum, Chur
2011 ‹focus III›, Pavillon Jakob-Züllig-Park, Kunsthalle, Arbon
2013 ‹Die fünfte Jahreszeit›, Museum Langmatt, Baden

Gruppenausstellung (Auswahl)
2008 ‹Micro Narratives, tentation des petites réalités›, musée d'Art moderne, St.Etienne
2011 ‹Lichtinsel›, Kassel
2012 ‹...wie der Schatten das Licht›, Kunstmuseum Olten



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Ausgabe 10  2013
Ausstellungen Ursula Palla [19.04.13-30.11.13]
Video Video
Ausstellungen Das schwache Geschlecht - Neue Mannsbilder i.d. Kunst [18.10.13-09.02.14]
Video Video
Institutionen Museum Langmatt [Baden/Schweiz]
Institutionen Kunstmuseum Bern [Bern/Schweiz]
Künstler/in Ursula Palla
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